Eigentlich sollte ich mich freuen. Nach Monaten des Wartens habe ich endlich einen Termin für die Fachuntersuchung. Gerade in einer Zeit, in der wegen der Pandemie selbst dringend benötigte Operationen verschoben werden, ist ein Termin erst einmal etwas Gutes.
Eigentlich.
Denn je näher dieser Termin rückt, desto deutlicher merke ich, dass ich nicht erleichtert bin. Ich habe Angst.
Dabei ist im vergangenen Jahr einiges in die richtige Richtung gegangen. Ich kann wieder längere Strecken gehen, habe mich vorsichtig ans Laufen herangetastet und meine Ernährung verändert. Gesund würde ich sie noch nicht nennen. Dafür ist noch reichlich Luft nach oben.
Auch an anderer Stelle gab es zuletzt gute Nachrichten. Bei der Augenuntersuchung waren keine sichtbaren Langzeitfolgen festzustellen und mein Langzeitzucker bewegte sich ebenfalls in die richtige Richtung.
Eigentlich genug Gründe, optimistisch zu sein.
Nur mein Magen-Darm-Trakt hält sich nicht an diesen Plan. Die Beschwerden sind trotz verschiedener Behandlungsversuche nicht verschwunden. Eher im Gegenteil. Dazu kommen immer wieder diese Stiche im Brustbereich, Phasen, in denen ich mich völlig abgeschlagen fühle, und inzwischen meldet sich gelegentlich auch mein Kreislauf.
Das macht mir mehr Angst, als ich mir gerne eingestehe.
Diese Erinnerung bekomme ich nicht aus dem Kopf
So etwas Ähnliches hatte ich schon einmal erlebt. Damals hatte ich gerade den letzten Bericht für eine Autogrammsammler-Zeitung fertiggeschrieben und wollte aufstehen.
Ich konnte nicht.
Es fühlte sich an, als würde mir jemand mit einer Stahlhand auf die Brust drücken. Keine Kraft, keine Möglichkeit, dagegen anzukommen. Der eigentliche Spuk war relativ schnell vorbei. Die Untersuchungen und Behandlungen bei den Herzspezialisten danach allerdings nicht.
Dieses Erlebnis hängt irgendwo im Hinterkopf fest.
Und deshalb ist da jetzt die Angst, dass so etwas noch einmal passiert. Die Angst, dass in meinem Magen-Darm-Trakt etwas steckt, von dem ich lieber nichts wissen möchte. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass genau das Unsinn ist: Wenn dort etwas ist, wird es nicht besser, nur weil ich nichts davon weiß.
Trotzdem fürchte ich mich vor der Antwort.
Oder vielleicht noch mehr davor, keine richtige Antwort zu bekommen. Ein diffuser Befund, der alles und nichts bedeuten kann, wäre fast genauso schlimm. Beschwerden sind schon lästig genug. Beschwerden ohne Erklärung machen im Kopf irgendwann ihr eigenes Programm.
Um es mit dem zehnten Doctor aus Doctor Who zu sagen:
„Ich will noch nicht gehen.“
Zweieinhalb Wochen Buchführung der besonderen Art
Bis zur Untersuchung darf ich deshalb Tagebuch führen. Und zwar nicht nur darüber, was ich wann esse. Ich soll auch aufschreiben, unter welchen Umständen ich gegessen habe, wie es mir danach ging, welche Beschwerden aufgetreten sind und wann ich Stuhlgang hatte.
Samt Aussehen.
Ganz ehrlich: Ich kann mir angenehmere Beschäftigungen vorstellen, als meine Hinterlassenschaften einer eingehenden Qualitätskontrolle zu unterziehen. Insbesondere an Tagen, an denen mein Verdauungssystem wieder Dinge veranstaltet, die man lieber nicht ausführlicher beschreiben möchte.
Aber wenn es dabei hilft herauszufinden, was da eigentlich passiert, dann werde ich eben zum Buchhalter meines eigenen Darms.
Im Moment fühlt sich diese ganze Situation für mich wie ein Scheideweg an. Ob das medizinisch tatsächlich so dramatisch ist, weiß ich nicht. Aber so fühlt es sich an. Im vergangenen Jahr habe ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder erlebt, dass etwas vorwärtsgeht. Ich kann mehr. Ich komme weiter. Ich traue mir wieder Dinge zu.
Das möchte ich nicht wieder verlieren.
Ich habe da nämlich noch eine kleine Rechnung offen.
Irgendwann möchte ich wieder locker nach Wanfried laufen und zurück. Nicht, weil irgendein Trainingsplan das verlangt und auch nicht, weil anschließend jemand mit einer Medaille auf mich wartet. Ich möchte am Ende einfach dastehen, grinsen und meinen gesundheitlichen Problemen gedanklich den Mittelfinger zeigen.
Vielleicht klingt das theatralisch.
Aber im Moment wäre ich schon froh, wenn die nächste Untersuchung etwas weniger dramatisch ausfällt als die Geschichten, die mein Kopf daraus macht.
Bis dahin gibt es Ernährungstagebuch, genaues Beobachten und Warten auf den Termin.
Ein Termin ist schließlich ein Termin.
Auch wenn man sich plötzlich gar nicht mehr so sehr darauf freut.
Foto: Norbert Beck / Layout: canva PRO und Norbert Beck
Rechtschreibung
Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.
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