50 Jahre am Neunundvierzigsten

Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 10. Mai 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Heute habe ich angefangen, 50 zu werden. Genau genommen fehlen noch 365 Tage, aber man kann sich auf so eine Zahl ja schon einmal langsam vorbereiten.

Fünfzig.

Manche sprechen dann gerne von der Mitte des Lebens. Ich sehe das etwas entspannter. Schon zu meinem 30. Geburtstag habe ich verkündet, dass ich mindestens 150 Jahre alt werde und mit 130 bei den Olympischen Spielen im Stangenhalma Gold hole. Was Stangenhalma überhaupt sein soll, weiß ich bis heute nicht.

Aber ich habe noch etwas Zeit, es herauszufinden.

Meinen 49. Geburtstag verbrachte ich jedenfalls nicht zu Hause. Ich war spontan mit dem ICE nach Hamburg gefahren und saß irgendwann an den Landungsbrücken bei Brücke 10.

Krabbenbrötchen und Sekt.

Genau die Art von Dekadenz, die ich mir zu einem fast fünfzigsten Geburtstag durchaus zugestehe.

Ein Treffen mit ziemlich viel Vergangenheit

Ganz allein war ich dabei nicht. Ich traf eine alte Schulfreundin und ihren Lebensgefährten.

Wir hatten zusammen Abitur gemacht. Und irgendwann viel später bekam ich mit, dass wir uns damals offenbar gegenseitig ziemlich nett fanden. Das wussten anscheinend auch fast alle um uns herum.

Nur zwei Personen nicht.

Wir beide.

Ich war damals schlicht zu feige, mir vorzustellen, dass ich bei so einem tollen Mädchen tatsächlich Chancen haben könnte. Wer weiß, wie unsere Leben sonst verlaufen wären.

Hätte, hätte, Fahrradkette.

Also saßen wir fast 30 Jahre später zusammen in Hamburg, tranken Bier und redeten über alles Mögliche.

Unter anderem Fußball.

Ausgerechnet ich wusste es

Fußball gehört nun wirklich nicht zu meinen großen Leidenschaften. Ein Eisbär bei einer Skilanglauf-WM in der Sahara würde mich vermutlich ähnlich interessieren.

Trotzdem kam irgendwann die Aussage auf, früher sei Fußball ohnehin besser gewesen.

Damit konnte ich arbeiten.

1954 zum Beispiel. Deutschland als klarer Außenseiter gegen Ungarn, am Ende Weltmeister.

„Wer hat eigentlich die Tore im Finale geschossen?“

Puskás, Morlock und zweimal Rahn waren schnell zusammen.

Aber wer war der zweite ungarische Torschütze?

Czibor.

Pah.

Mir als Fußball-Uninteressiertem etwas über Fußball erzählen wollen und dann Zoltán Czibor vergessen.

Gut, ganz fair war das nicht. Ich hatte kurz vorher eine Dokumentation über die Weltmeisterschaft 1954 gesehen und kannte den Spielverlauf deshalb ziemlich gut.

Das musste ja niemand sofort wissen.

Kein Hafengeburtstag zu meinem Geburtstag

Eigentlich hätte Hamburg an diesem Wochenende Hafengeburtstag feiern sollen. 2022 war der allerdings in den September verschoben worden.

Keine Einlaufparade.

Kein großes Feuerwerk.

Keine dicht gedrängten Traditionsschiffe an den Landungsbrücken.

Ein bisschen enttäuschend war das schon. Schließlich hätte ich jedes Feuerwerk selbstverständlich als persönliche Geburtstagsveranstaltung verstanden.

Dafür war das Wetter zunächst ziemlich großartig.

Ich behaupte ja gerne, dass ich schönes Wetter mitbringe, wenn ich unterwegs bin. Meine Mutter hätte mich bei diesem Satz allerdings sofort an meinen 30. Geburtstag in Eisenach erinnert, als wir im strömenden Regen Richtung Wartburg gelaufen sind.

Sie hätte damit leider einen Punkt gehabt.

Auch Hamburg beschloss irgendwann, meine Theorie zu überprüfen.

Das Konzert fand ohne mich statt

Am Abend wollte ich eigentlich noch nach Altona zu einem Konzert.

Als ich aus der U-Bahn kam, fing es an zu regnen. Nicht ein bisschen. In der Zeit bis zum Bahnhof Altona war ich jedenfalls komplett nass.

Dank des Geburtstagsbiers fand ich das erstaunlich lustig.

Weniger lustig war die Sache mit den Konzertkarten.

Online wurden Digitaltickets angeboten. Sobald ich die Bestellung abschließen wollte, erklärte mir das System allerdings, dass für diese Veranstaltung keine Digitaltickets erhältlich seien und ich es an der Abendkasse versuchen solle.

Also versuchte ich es an der Abendkasse.

Ausverkauft.

Das Internet bot mir derweil weiterhin Tickets an, die es mir nicht verkaufen wollte.

Technik kann so schön sein.

Ich setzte mich schließlich in Bahnhofsnähe hin und beobachtete einen Jogger, der die Treppen hochlief. Dabei stellte ich mir vor, wie er im Zug einfach weiterjoggt und anschließend seiner Lauf-App erklärt, er habe fünf Kilometer in drei Minuten geschafft.

Man beschäftigt sich eben.

Zum Ziel stolpern kann ich

Später wartete mein ICE Richtung Heimat tatsächlich pünktlich am Bahnsteig.

Das überraschte mich fast mehr als alles andere an diesem Tag.

Gut, Hamburg-Altona war der Startbahnhof. Der Zug hatte also noch kaum Gelegenheit gehabt, eine Verspätung einzusammeln.

Aber der Deutschen Bahn traue ich auch Dinge zu, für die physikalisch eigentlich noch keine Erklärung existiert.

Vor der Abfahrt hatte ich noch eine kleine Flasche Sekt. Im Bahnhof galt Alkoholverbot, also musste die draußen weg.

Und genau in diesem Moment gingen irgendwo ein paar Raketen hoch.

Da war es also doch noch, mein Geburtstagsfeuerwerk.

Zumindest beschloss ich, es so zu sehen.

Ich wusste in diesem Moment schon ziemlich sicher, dass ich auch meinen 50. Geburtstag nicht einfach zu Hause verbringen würde. Wo ich sein würde, wusste ich noch nicht. Ebenso wenig, wie das kommende Jahr gesundheitlich und mit meinem wieder begonnenen Laufen verlaufen würde.

In den Wochen davor war ich ohnehin von Erfolg zu Problem und vom nächsten Problem wieder zum nächsten kleinen Erfolg gestolpert.

Das kann ich.

Zum Ziel stolpern.

Darin bin ich Weltmeister.

Und bis zum olympischen Stangenhalma sind schließlich noch ein paar Jahre Zeit.

Foto: canva PRO / Layout: canva PRO und Norbert Beck


Rechtschreibung

Die Interpunktion und Orthographie dieses Textes sind frei erfunden. Eine Übereinstimmung mit aktuellen oder ehemaligen Rechtschreibregeln wäre rein zufällig und ist nicht beabsichtigt.

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