Johannisfest in Eschwege – nichts bleibt, wie es ist
Ich bin ein Dietemann. Das wird man nicht durch Prüfung, Aufnahmezeremonie oder besonders überzeugenden Bratwurstkonsum. Man wird hier geboren und hat damit gewissermaßen schon die erste Voraussetzung erfüllt.
Bei den Wanfriedern wird die Sache komplizierter. Wer nicht per Hausgeburt irgendwo zwischen Fachwerk und Werratal das Licht der Welt erblickt hat, müsste nach dieser Logik eigentlich erst einmal seine Herkunft klären lassen. Aber bevor wir hier noch eine regionale Identitätskrise auslösen, kommen wir lieber zum eigentlichen Thema: dem Eschweger Johannisfest.
Nach zwei Jahren Pause war es 2022 endlich wieder da.
Für Außenstehende ist das Johannisfest wahrscheinlich einfach ein Heimatfest. Für viele Eschweger ist es ein bisschen mehr. Da trifft man Menschen wieder, die man sonst kaum sieht, erinnert sich an frühere Feste und stellt spätestens nach wenigen Minuten fest, dass jeder ganz genau weiß, wie das Johannisfest eigentlich zu sein hat.
Ich natürlich auch.
Nur hatte sich einiges verändert.
Früher war mehr Bratwurst
Der Donnerstag gehörte früher dem Johannisfestreiter. Er kam vorbei, wurde von den Nachbarn angemessen versorgt und blies ins Horn. Am Freitag folgte dann etwas, das bei mir gedanklich unter Bratwurstheiligabend läuft.
Gefühlt roch damals die halbe Stadt nach Grill.
Inzwischen sind einige traditionelle Metzgereien verschwunden. Betriebe wie Manegold oder Haase gehören zur Vergangenheit und damit verändert sich zwangsläufig auch ein Stück Festgefühl. Natürlich bekommt man noch eine Bratwurst. Verhungern muss auf dem Johannisfest niemand.
Aber wenn etwas jahrzehntelang dazugehört hat, merkt man eben, wenn es plötzlich fehlt.
Vielleicht ist das auch eines dieser Dinge, die einem erst auffallen, wenn man älter wird. Als Kind interessiert einen nicht, welcher Metzger die Wurst gemacht hat. Hauptsache, man bekommt eine. Später hängt an solchen Kleinigkeiten plötzlich Erinnerung.
Wo sind eigentlich die „Reifen Herren“?
Ähnlich ging es mir mit der Musik.
Früher gab es Gruppen wie die „Reifen Herren“, die einfach nach Eschwege und Johannisfest klangen. Lieder über Sekt, Selters oder den Bratwurst-Junkie – keine Weltmusik, aber eben unser Unsinn.
2022 bekam ich dagegen an verschiedenen Stellen sehr viel Bekanntes zu hören. Coverversionen, Rockklassiker, die üblichen Sachen, bei denen spätestens nach drei Takten jeder weiß, was kommt.
Das kann Stimmung machen. Hat es teilweise auch.
Nur hatte ich zwischendurch das Gefühl, dass ein wenig von dem verloren gegangen ist, was dieses Fest von irgendeinem anderen Stadtfest unterscheidet.
Maienzug und Erinnerungen mit Gewicht
Beim Maienzug am Samstag gibt es Dinge, die sich offenbar kaum verändern.
Zum Beispiel meine alte Theorie: Je älter das Schulkind, desto kleiner wird die Maie.
Als Erstklässler bekam man gefühlt noch einen halben Baum in die Hand gedrückt. Dazu eine Fahne, an der wahrscheinlich schon Generationen von Schulkindern getragen hatten. Wenn es dann noch regnete, wurde aus dem Festumzug eine Mischung aus Tradition und Krafttraining.
Zumindest erinnere ich mich so daran.
Genau das ist wahrscheinlich das Problem mit alten Festen: Man vergleicht nicht nur mit dem letzten Jahr. Man vergleicht mit Jahrzehnten voller Erinnerungen.
Dabei besitzt Eschwege eigentlich einen ziemlichen Luxus. Mehrere Spielmannszüge, viel musikalische Tradition und einen Festzug, an dem die Schulen einen großen Anteil haben.
2022 fiel mir trotzdem auf, dass manches anders wirkte. Die Marchingband Dietemann, die für mich lange fest zum Bild gehörte, fehlte im Zug. Beim traditionellen Wecken am Sonntag wurden Wege inzwischen teilweise mit Fahrzeugen überbrückt, wo früher marschiert wurde.
Kann man machen.
Aber natürlich sitzt irgendwo im Kopf sofort der kleine alte Mann und murmelt: „Früher sind die noch gelaufen.“
Ich fürchte, der wohnt mittlerweile auch bei mir.
Mars Attacks auf dem Obermarkt
Beim Festakt auf dem Obermarkt merkte ich dann, dass manche Probleme überhaupt nichts mit Tradition zu tun haben.
Man muss eine Rede nämlich nicht nur halten. Die Leute sollten sie im Idealfall auch verstehen.
Wer etwas weiter hinten stand, bekam davon allerdings nur begrenzt etwas mit. Die Lautsprecher machten aus einzelnen Worten Geräusche, die mich irgendwann stark an die Außerirdischen aus Mars Attacks erinnerten.
Ak-ak-ak.
Vielleicht war die Rede hervorragend. Ich kann es nicht beurteilen.
Der Festzug stand unter dem Motto „Brücken bauen“, was bei den Schulen zu einer bemerkenswerten Menge Poolnudeln führte. Offenbar sind die bunten Dinger das Schweizer Taschenmesser des modernen Festwagenbaus.
Brücke? Poolnudel.
Dekoration? Poolnudel.
Irgendwas fehlt noch? Nimm eine Poolnudel.
Ich will mich darüber gar nicht lustig machen. Mit begrenztem Budget müssen die Klassen schließlich irgendetwas auf die Beine stellen. Nur hatte ich den Eindruck, dass sich das Motto irgendwann hauptsächlich in buntem Schaumstoff materialisierte.
Ein „Opening“ macht noch kein volles Zelt
Auch auf dem Festplatz war einiges anders.
Der Auftakt hieß nun „Opening“. Früher hätte man vermutlich einfach Eröffnung gesagt, aber englische Wörter machen bekanntlich selbst ein halbleeres Festzelt ein wenig internationaler.
Beim Auftritt der Grabowskis war das große Zelt jedenfalls längst nicht voll.
Dazu kam, dass nach Jahren mit kostenfreiem Programm wieder Eintritt verlangt wurde. Gerade für Familien kommt da schnell ein Betrag zusammen, bevor überhaupt jemand eine Bratwurst gesehen oder etwas getrunken hat.
Am Freitagabend, dem Familientag, wirkte der Festplatz stellenweise erstaunlich leer. Auch das Getränkeangebot war an manchen Stellen noch übersichtlich. Dafür gab es Monster-Slush.
Das ist immerhin bunt.
Zur Bratwurst bevorzuge ich trotzdem andere Getränke.
Vielleicht verändert sich nicht nur das Fest
Ich habe während des Johannisfestes einiges gesehen, bei dem ich dachte: Das war früher besser.
Das ist gefährlich.
Denn vielleicht war es tatsächlich besser. Vielleicht war es nur anders. Und vielleicht bin inzwischen auch einfach ich derjenige, der sich verändert hat.
Als Kind habe ich nicht darüber nachgedacht, welcher Metzger noch existiert, welche Band fehlt oder ob eine Veranstaltung „Opening“ heißen muss. Ich wollte los, etwas sehen und wahrscheinlich Dinge essen, die mir meine Eltern an normalen Tagen nicht in dieser Menge zugestanden hätten.
Heute sehe ich das Fest mit anderen Augen.
Trotzdem gibt es Dinge, die geblieben sind.
Man trifft Menschen wieder, die man lange nicht gesehen hat. In der Stadt laufen plötzlich Leute herum, die irgendwann weggezogen sind und zum Johannisfest wiederkommen. Man erinnert sich an frühere Jahre, erzählt Geschichten, die wahrscheinlich mit jedem Erzählen ein kleines bisschen besser werden, und stellt fest, dass dieses Wochenende immer noch etwas mit Eschwege macht.
Das Feuerwerk war auch 2022 wieder ein Höhepunkt.
Und irgendwann stand ich da und merkte: Vielleicht muss ein Johannisfest gar nicht genauso sein wie vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren.
Das könnte es vermutlich auch gar nicht.
Manches verschwindet, anderes kommt dazu und über einiges kann man sich hervorragend aufregen. Wahrscheinlich gehört sogar das dazu.
Denn trotz allem war ich wieder dort.
Beim nächsten Johannisfest werde ich vermutlich auch wieder irgendwo stehen, eine Bratwurst in der Hand haben und feststellen, dass schon wieder irgendetwas nicht mehr so ist wie früher.
Und genau darüber dann wahrscheinlich reden.
Foto: Norbert Beck und canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck
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