Ich bin frei

Endlich bin ich frei.

Nein, ich meine das nicht negativ. Und ich möchte auch die Jahre mit meiner Mutter im Nachhinein nicht schlechtreden. Was ich damit meine, ist etwas anderes:

Für mich ist die Sache endlich würdig abgeschlossen.

Der Tod meiner Mutter ging schnell. Viel zu schnell.

An einem Tag verließ sie gegen 16 Uhr das Haus in Richtung Krankenhaus. Etwa zwölf Stunden später war sie tot.

Eigentlich sollte sie dort aufgepäppelt werden. Es sollte herausgefunden werden, woher ihre gesundheitlichen Probleme kamen. Eigentlich hofften wir darauf, dass sie noch ein langes Leben vor sich hätte.

Stattdessen war es der Anfang vom Ende.

Ein Abschied, der keiner war

Im Krankenhaus wurde ein Fehler gemacht. Auf den Unterlagen wurden Kreuze falsch gesetzt. Die entsprechenden Dokumente existieren noch, ebenso der Arztbericht, aus dem hervorgeht, dass meine Mutter kein Corona hatte.

Die Folgen dieses Fehlers ließen sich nicht mehr rückgängig machen.

Eine Verabschiedung am Sarg war für mich nicht möglich.

Meine Mutter wurde eingeäschert und anschließend auf einem anonymen Grabfeld des Eschweger Friedhofs beigesetzt. Nicht einmal auf demselben Feld wie mein Vater, wie sie es sich gewünscht hatte.

Damit war sie plötzlich weg.

Und für mich fühlte es sich nicht nach einem richtigen Abschied an.

Ich landete danach in einem tiefen Loch. Der Tod meiner Mutter veränderte auch mein eigenes Leben. Nach den Jahren der Pflege gab es plötzlich wieder die Möglichkeit, mich stärker um meine eigene Gesundheit und mein eigenes Leben zu kümmern.

Aber so einfach war das nicht.

Wenn man einen Menschen über Jahre begleitet und pflegt, verbindet das. Und das, was nach ihrem Tod passiert war, ließ kaum Platz für Trauer.

Da war für mich eher ein Vakuum.

Und dieses Vakuum wollte sich nicht auflösen.

Zurück an die Nordsee

Schon länger stand fest, dass ich wieder an die Nordsee fahren wollte.

Genau dorthin, wo ich so oft mit meiner Mutter gewesen war.

Beim Aufräumen fand ich irgendwann eine Bürste von ihr. Darin waren noch genügend Haare, um eine kleine Locke in den Rahmen ihres letzten Bildes zu legen.

Eine weitere Locke hob ich auf.

Damals wusste ich schon, was ich damit machen wollte.

Nur musste der richtige Moment kommen.

Und beinahe hätten Volkmar und Yogi mir einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Die beiden Sturmtiefs sorgten an der Nordsee für reichlich Unruhe. Meine geplante Fahrt nach Helgoland fiel aus, und zeitweise war überhaupt nicht klar, welche Schiffe noch fahren würden.

Also fuhr ich mehr auf Verdacht nach Büsum.

Zwischen den beiden Sturmtiefs schien plötzlich die Sonne.

Und die Fahrt zur Seehundsbank fand statt.

54.082011, 8.691472

Am 1. Oktober um 14:05 Uhr waren wir etwas nördlich der Vogelinsel Trischen vor einer Seehundsbank.

Fast alle Menschen auf dem Schiff blickten nach rechts.

Dort lagen die Seehunde.

Ich sah nach links.

Ich hatte die Locke meiner Mutter bei mir, zusammen mit einer roten Rose. Ihre Lieblingsblume.

Die Nordsee war ihre Lieblingsregion.

Seehunde waren ihre Lieblingstiere.

Ich ließ beides ins Wasser.

Kein Grabstein trägt ihren Namen an diesem Ort. Es gibt dort keine Bank mit einer Plakette und kein Schild, das irgendjemandem erklärt, was dort passiert ist.

Aber ich weiß, wo es war.

Breitengrad 54.082011.
Längengrad 8.691472.

Ein Punkt irgendwo in der Nordsee.

Für andere vollkommen bedeutungslos.

Für mich nicht.

Dort konnte ich mich von meiner Mutter verabschieden.

So, wie es vorher nicht möglich gewesen war.

Und ich denke, jetzt versteht ihr auch, was ich meine, wenn ich sage:

Ich bin frei.

Foto: Norbert Beck / Grafik-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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