Im Namen der Waage

Es gibt Momente, in denen das Vertrauen in moderne Technik ernsthaft erschüttert wird. Bei mir geschah das kürzlich im Badezimmer, auf den Knien vor meiner Beurer-Waage. Das Batteriefach hatte beschlossen, seine ohnehin eher lockere Beziehung zum Deckel endgültig zu beenden.

Ich löste das Problem mit Klebegummi. Nicht schön, aber effektiv. Während ich dort auf den Fliesen kniete und darauf wartete, dass dieses flache Stück Glas und Elektronik wieder Lebenszeichen von sich gab, musste ich daran denken, wie viele Waagen mich eigentlich schon durchs Leben begleitet haben.

Es waren einige.

Damals, als eine Waage einfach nur gewogen hat

Ganz am Anfang stand eine klassische mechanische Tretwaage. Kein WLAN, keine App, keine Benutzerkonten und vor allem keine Batterien. Man stellte sich drauf, eine Nadel bewegte sich und anschließend begann die eigentliche Kunst: das Ergebnis richtig zu interpretieren.

Die Präzision war überschaubar. Je nachdem, wie man stand und aus welchem Winkel man auf die Skala schaute, ließ sich mit etwas gutem Willen durchaus ein freundlicheres Ergebnis erkennen. Man einigte sich mit der Waage gewissermaßen auf einen Wert, mit dem beide Seiten leben konnten.

Irgendwann reichte mir das nicht mehr und „Petra“ zog ein.

Petra war eine sprechende Waage. Das hatte für mich einen ganz praktischen Vorteil: Ich musste nicht mehr versuchen, die Anzeige irgendwo zwischen meinen Füßen zu entziffern. Petra sagte mir einfach, was Sache war.

Leider verfügte sie dabei über keinerlei diplomatisches Geschick.

Man stellte sich drauf, wartete kurz und bekam das Ergebnis laut und deutlich vorgelesen. Eine Funktion, die hervorragend arbeitet, solange man allein im Badezimmer ist und mit der verkündeten Zahl einverstanden ist.

Dann musste eine Waage plötzlich alles können

Später kam eine Omega-Waage mit Griffen. Nur das Gewicht zu kennen, war inzwischen offenbar nicht mehr genug. Körperfett, Wasser und andere Werte sollten ebenfalls gemessen werden.

Also stand ich auf einer Waage und hielt dabei zwei Griffe in den Händen. Das sah vermutlich wichtiger aus, als es tatsächlich war. Ein bisschen wie die Kommandozentrale einer ausgesprochen kleinen Raumstation, deren wichtigste Aufgabe darin bestand, mich morgens zu beleidigen.

Danach wurde es richtig modern.

Withings zog ein, später Garmin und schließlich Xiaomi. Plötzlich sollte eine Waage nicht mehr einfach nur eine Zahl anzeigen. Sie musste Daten übertragen, Apps füttern und möglichst noch Teil eines ganzen digitalen Ökosystems sein.

Bei Garmin lernte ich vor allem Geduld. Bei Xiaomi lernte ich, dass ich Messwerten nicht automatisch vertraue, nur weil sie auf einem Smartphone hübsch dargestellt werden.

Und irgendwann landete ich bei Beurer.

Großes Display, passende App und insgesamt ein Gerät, mit dem ich gut zurechtkomme. Wäre da nicht dieses Batteriefach, dessen Konstruktion offensichtlich auf dem Grundsatz basiert: Ein bisschen Spannung gehört ins Leben.

Die Reparatur war erfolgreich. Leider.

Mit Klebegummi bewaffnet bekam ich den Deckel wieder fest. Batterien rein, Waage auf den Boden und Display an.

Damit war der technische Teil erfolgreich abgeschlossen.

Im Nachhinein betrachtet hätte ich es vielleicht dabei belassen sollen.

Natürlich stieg ich drauf.

Die Zahl erschien.

Ich schaute noch einmal hin.

Sie stand immer noch da.

Nun gibt es Situationen, in denen man einen technischen Defekt beinahe begrüßen würde. Vielleicht stand die Waage schief. Vielleicht war der Boden ungeeignet. Vielleicht hatte das Klebegummi ein bisher unbekanntes Gravitationsfeld erzeugt.

Man muss schließlich alle Möglichkeiten prüfen.

Leider hatte ich den Eindruck, dass das Gerät vollkommen überzeugt von seiner Aussage war.

Also tat ich das einzig Vernünftige und holte juristischen Beistand.

Der Fall Beck gegen Beurer

Ein Freund von mir ist Jurist. Ich schilderte ihm die Situation und erklärte, dass ich über eine Klage nachdenke. Üble Nachrede, Verleumdung, vielleicht Mobbing durch einen Halbleiter. Irgendetwas musste doch möglich sein.

Er hörte sich mein Plädoyer an.

Dann kam sein vernichtendes Urteil:

„Die Waage kann nichts für die Zahl, die da steht.“

Danke auch.

Für Freunde wie ihn braucht man eigentlich keine feindlichen Sachverständigen mehr.

Damit war die juristische Aufarbeitung überraschend schnell beendet. Die Waage blieb straffrei und ich mit einem Messergebnis zurück, das mir nicht gefiel.

Trotzdem ist die Zahl nicht die ganze Geschichte

Natürlich möchte ich Gewicht verlieren. Deshalb brauche ich auch keine Geschichten darüber zu erzählen, dass die Zahl auf einer Waage grundsätzlich bedeutungslos wäre. Für mich ist sie ein Messwert und ich will, dass sie sich verändert.

Aber sie erzählt eben nicht alles.

Die Waage weiß nicht, ob ich wieder häufiger rausgehe. Sie weiß nicht, wie weit ich laufen oder gehen kann, was mir leichter fällt oder welche Dinge ich inzwischen wieder mache. Sie kann nicht messen, ob meine Welt langsam wieder größer wird.

Sie kann nur Kilogramm.

Und offenbar beherrscht sie dieses Fachgebiet momentan etwas besser, als mir lieb ist.

Also bleibt die Beurer im Badezimmer. Das Batteriefach hält dank Klebegummi wieder und technisch gibt es keinen vernünftigen Grund, sie vor die Tür zu setzen.

Ich behalte mir allerdings vor, ihre Ergebnisse weiterhin persönlich zu nehmen.

Morgen wird sich wieder bewegt.

Nicht weil mir die Waage das befiehlt. Aber ein klein wenig möchte ich dieses selbstgefällige Display beim nächsten Mal schon enttäuschen.

Bildinformationen:
Foto
: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro

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