Das Wetter hatte sich endlich erbarmt, ich hatte frei und sogar etwas, das bei mir gelegentlich wie ein seltenes Naturphänomen auftaucht: Zeit.
Da ich ohnehin unterwegs war, fuhr ich zum Werratesee und machte mich auf den Weg um die Knaus-Hallig. Eine Runde sind ungefähr 1,4 Kilometer. Zwei Runden also 2,8 Kilometer.
Überall stehen Bänke. Ich brauchte keine davon.
Das klingt erst einmal nicht besonders spektakulär. Für mich war es das trotzdem ein bisschen, denn es war das erste Mal seit längerer Zeit, dass ich wieder eine solche Strecke am Stück gegangen bin. Keine Bestzeit, kein Trainingsplan und kein Anlass, irgendwo eine Medaille zu bestellen. Aber ich war draußen und ich bewegte mich.
Eigentlich genau das, was ich wieder häufiger machen möchte.
Nur leider läuft nicht alles so einfach
Meine körperlichen Baustellen sind schließlich nicht verschwunden, nur weil ich beschlossen habe, wieder mehr zu machen. Der Rücken meldet sich zuverlässig, Knie und Hüfte haben beim Treppensteigen ebenfalls eine eigene Meinung und längere Autofahrten machen mir inzwischen deutlich weniger Freude als früher.
Manchmal fühlt sich das schon absurd an: Einerseits möchte ich wieder raus, mehr erleben und beweglicher werden. Andererseits gibt es Tage, an denen bereits ganz normale Dinge überraschend viel Energie kosten.
Und dann ist da noch etwas, das mir wesentlich mehr Gedanken macht als Rücken, Knie oder Hüfte.
In den vergangenen Wochen hatte ich wiederholt dieses Stechen auf der Herzseite.
Vielleicht würde ich darüber wesentlich entspannter hinwegsehen, wenn da nicht meine Vorgeschichte wäre. Vor rund 15 Jahren hatte ich bereits mit einer Vorstufe eines Infarkts zu tun. Solche Erinnerungen verschwinden nicht einfach. Sobald sich an dieser Stelle etwas meldet, arbeitet der Kopf sofort mit.
Das macht mir Angst.
Und genau deshalb gehört das abgeklärt.
Mit einer Ibu zum Walken
Auch an diesem Tag war nicht alles so problemlos, wie die 2,8 Kilometer vielleicht vermuten lassen.
Vorher hatte ich eine Ibu genommen, damit das Gehen überhaupt vernünftig funktionierte. Früher habe ich bei Laufveranstaltungen über die Leute geschimpft, die sich mit Schmerzmitteln irgendwie bis ins Ziel brachten. Nun stand ich selbst da.
Besonders stolz hat mich das nicht gemacht.
Es zeigt mir aber ziemlich deutlich, wo mein eigentliches Problem liegt. Mir fehlt nicht der Wille, mich zu bewegen. Eher im Gegenteil. Ich möchte los, manchmal vielleicht sogar etwas zu sehr.
Was mir fehlt, ist Klarheit darüber, wie ich mit den verschiedenen Baustellen sinnvoll umgehe.
Einfach immer wieder eine Tablette einwerfen und anschließend so tun, als wäre damit alles erledigt, kann für mich jedenfalls nicht die Lösung sein.
Ich will nicht nur leichter werden
Natürlich spielt mein Gewicht dabei eine Rolle. Ich möchte abnehmen und weiß, dass Bewegung für mich dazugehört.
Aber inzwischen geht es mir um mehr als die Zahl auf einer Waage.
Ich möchte wieder längere Strecken gehen können. Ich möchte spontan irgendwo hinfahren, ohne zuerst darüber nachzudenken, ob Rücken, Hüfte oder Knie den Ausflug genehmigen. Ich möchte Orte entdecken und nicht ständig überlegen, wo die nächste Bank steht.
Kurz gesagt: Meine Welt soll wieder größer werden.
Dafür muss ich mich bewegen.
Aber eben nicht um jeden Preis.
Die 2,8 Kilometer an diesem Tag haben mir gutgetan. Ich habe mich darüber gefreut, dass ich beide Runden geschafft habe und keine Pause auf einer der Bänke brauchte.
Trotzdem wäre es ziemlich unsinnig, daraus jetzt abzuleiten, dass ich beim nächsten Mal einfach fünf Kilometer marschiere und anschließend schaue, was passiert.
Es gibt Dinge, die ich vorher klären möchte. Besonders die Sache mit dem Herzen.
Mein Weg soll schließlich nicht daraus bestehen, möglichst schnell irgendwelche Zahlen nach oben oder unten zu treiben. Ich möchte langfristig wieder mehr können und mehr erleben.
Dafür muss ich auch akzeptieren, dass manchmal nicht mehr Ehrgeiz der nächste Schritt ist.
Manchmal ist der nächste Schritt schlicht herauszufinden, woran man eigentlich ist.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro