Vor ein paar Jahren unterhielt ich mich mit einem jungen Azubi über soziale Netzwerke. Er erzählte ziemlich stolz, wo er überall aktiv war und wie gut er sich im Netz auskannte. Gleichzeitig war er überzeugt, dass man über ihn selbst eigentlich kaum etwas finden könne.
Seine Kollegin sah das ähnlich. Sie war froh, möglichst wenig öffentlich über sich preiszugeben.
Ich war neugierig.
Also nahm ich mein Handy, hatte seinen Namen und den Ort – und schaute einfach mal nach.
Es dauerte nicht besonders lange.
Ich fand verschiedene soziale Netzwerke, öffentliche Beiträge, eine Mailadresse und darüber wiederum weitere Accounts. So erfuhr ich unter anderem, dass er sich für Modellbau interessierte und Fußball spielte.
Nichts davon war besonders dramatisch.
Interessanter war sein Gesicht.
Aus „Über mich findet man kaum etwas“ wurde innerhalb weniger Minuten die Erkenntnis, dass sich aus vielen kleinen öffentlich zugänglichen Informationen ein ziemlich ordentliches Bild zusammensetzen lässt.
Sagen wir so: Rot beschreibt seine Gesichtsfarbe anschließend nur unzureichend.
Kleine Informationen ergeben irgendwann ein großes Bild
Genau das wird meiner Meinung nach leicht unterschätzt.
Ein einzelner Beitrag sagt vielleicht nicht viel aus. Ein öffentliches Profil ebenfalls nicht. Dazu kommen aber Kommentare, alte Benutzerkonten, Fotos, Forenbeiträge und vielleicht eine Mailadresse, die man seit fünfzehn Jahren für alles Mögliche verwendet.
Für sich genommen alles Kleinkram.
Zusammengenommen kann daraus irgendwann erstaunlich viel werden.
Dabei geht es mir gar nicht darum, dass man sich im Internet verstecken muss. Ich schreibe selbst öffentlich im Netz und wäre vermutlich ein ziemlich unglaubwürdiger Prediger für digitale Unsichtbarkeit.
Aber man sollte sich gelegentlich bewusst machen, was man öffentlich macht.
Öffentlich ist eben öffentlich
Besonders interessant wird es, wenn man online Dinge schreibt, die man in einem persönlichen Gespräch vielleicht nicht jedem sofort erzählen würde.
Natürlich darf jeder seine Meinung haben und sie auch äußern.
Nur sollte man nicht davon ausgehen, dass ein öffentlicher Beitrag ausschließlich von den fünf Menschen gelesen wird, für die man ihn gerade geschrieben hat.
Vielleicht sieht ihn Jahre später jemand anderes.
Ein möglicher Arbeitgeber könnte bei einer einfachen Suche auf öffentliche Informationen stoßen. Ein Kunde ebenfalls. Oder jemand, mit dem man gerade geschäftlich zu tun bekommt.
Dann entsteht ein erster Eindruck möglicherweise schon, bevor man sich überhaupt begegnet ist.
Nehmen wir ein völlig harmloses Beispiel: Jemand bewirbt sich als Braumeister bei einer Brauerei und schreibt gleichzeitig öffentlich, dass er Bier hasst und eigentlich ausschließlich Wein trinkt.
Verboten ist das natürlich nicht.
Beim Vorstellungsgespräch könnte sich daraus trotzdem eine interessante Unterhaltung ergeben.
Ich bin selbst nicht unsichtbar
Bei solchen Themen ist es ziemlich einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Dabei müsste ich nur meinen eigenen Namen suchen.
Über viele Jahre habe ich gebloggt, kommentiert, Fotos veröffentlicht und unterschiedliche Plattformen genutzt. Wer lange genug sucht, wird bei mir ebenfalls Dinge finden, die ich heute vielleicht anders formulieren würde.
Das gehört dazu.
Gerade deshalb finde ich es sinnvoll, gelegentlich selbst nachzusehen, welche Spuren man hinterlassen hat.
Nicht aus Panik.
Eher als kleine Bestandsaufnahme.
Welche Profile sind öffentlich? Welche uralten Accounts existieren noch? Welche Informationen möchte ich weiterhin zeigen – und welche vielleicht nicht mehr?
Manchmal entdeckt man dabei vermutlich mehr, als einem lieb ist.
Der Azubi von damals könnte das bestätigen.
Das Internet besitzt ein ziemlich gutes Gedächtnis
„Das Netz vergisst nicht“ ist natürlich ein schöner dramatischer Spruch. Ganz so absolut stimmt er nicht. Inhalte können verschwinden, gelöscht werden oder irgendwann nicht mehr auffindbar sein.
Darauf verlassen würde ich mich trotzdem nicht.
Was einmal öffentlich war, kann kopiert, geteilt oder an anderer Stelle gespeichert worden sein. Und irgendwann hat man nicht mehr vollständig in der Hand, wo etwas noch auftaucht.
Deshalb halte ich inzwischen eine einfache Regel für ganz brauchbar:
Bevor ich etwas öffentlich ins Netz stelle, frage ich mich kurz, ob es mir auch noch gefallen würde, wenn es in ein paar Jahren jemand findet, für den es ursprünglich überhaupt nicht gedacht war.
Das verhindert vermutlich nicht jeden Unsinn.
Bei mir schon gar nicht.
Aber vielleicht wenigstens den einen oder anderen digitalen Striptease.
Foto: canva PRO / Layout: Norbert Beck und canva PRO