Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 21. März 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.
Heute jährt sich der Todestag meines Vaters zum 19. Mal. Und wie jedes Jahr brennt draußen auf dem alten Fichtenstumpf eine Laterne für ihn. Vieles an ihm war völlig anders als bei mir. Trotzdem merke ich gerade an solchen Tagen, wie viel von ihm geblieben ist.
Mein Vater gehörte zu einer Generation, die Dinge erlebt hat, die für mich heute weit weg wirken. Mit 15 Jahren stand er kurz davor, in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs noch eingezogen zu werden. Er hatte Glück und musste diesen Weg nicht mehr gehen.
Sein eigener Vater war überzeugter Nationalsozialist. Das hat die Familie geprägt und auch gespalten. Nach den Erzählungen, die ich kenne, gehörten dazu nicht nur politische Überzeugungen, sondern auch Gewalt innerhalb der Familie. Meine Großmutter wurde von ihm sogar mit einer Axt verfolgt. Unterstützung bekam sie damals offenbar auch von kirchlicher Seite nicht unbedingt. Der damalige Pastor soll ihr sinngemäß erklärt haben, die Stellung des Mannes in der Familie sei gottgegeben.
Wenn ich solche Geschichten höre, wird mir immer wieder bewusst, aus welcher Zeit mein Vater kam.
Sein eigenes Leben war später alles andere als ruhig. Er arbeitete zunächst als Rücker im Wald, damals noch mit Pferden. Später ging er als Bergmann auf die Zeche Emil Mayrisch. Dort erlebte er auch eine Situation unter Tage, in der er zusammen mit anderen Bergleuten einen ungewöhnlichen Weg aus einer gefährlichen Lage finden musste. Sie rammten sich mit einer Lore durch eine Mauer, um herauszukommen.
Später hätte sein Weg ihn zu Volkswagen nach Baunatal führen können. Stattdessen blieb er näher an der Heimat und arbeitete bei Massey Ferguson in Eschwege. Einer der Gründe dafür war, dass er sich um seine alte Mutter, die in Wichmannshausen lebte, kümmerte.
Und dann kam 1973 ich.
Handwerklich war ich vermutlich nicht ganz das, was sich ein Baumaschinenschlosser als Nachwuchs vorgestellt hätte. Mein Vater konnte gefühlt alles reparieren. Ich konnte hervorragend danebenstehen und zugucken. Das hat sich bis heute nur begrenzt geändert. Ich bin irgendwann in der IT gelandet. Einen Patch-Stecker bekomme ich inzwischen immerhin zuverlässig in die richtige Buchse.
Auch sonst waren wir längst nicht immer einer Meinung. Er verstand lange nicht, warum ich keinen Führerschein machen wollte. Politische Diskussionen zwischen uns konnten ebenfalls ziemlich laut werden. Wir waren beide nicht unbedingt dafür bekannt, eine einmal gefasste Meinung beim ersten Gegenargument freiwillig aufzugeben.
Vielleicht war genau das schon eine der Gemeinsamkeiten, die ich damals gar nicht sehen wollte.
Als mein Vater älter und körperlich schwächer wurde, veränderte sich vieles. Irgendwann war von dem Mann, der früher schwere Maschinen reparierte und scheinbar alles irgendwie hinbekam, nicht mehr viel von dieser körperlichen Stärke übrig.
Einen Satz von ihm habe ich bis heute im Kopf:
„Pass auf mein Röschen auf.“
Röschen war meine Mutter.
Ich habe dieses Versprechen ernst genommen.
Wenn ich heute an meinen Vater denke, sehe ich trotzdem nicht plötzlich mich selbst. Ich bin nicht mein Vater. Ich bin kein Bergmann und kein Baumaschinenschlosser. Ich habe nie mit Pferden Holz aus dem Wald gezogen und mein Verhältnis zu Werkzeug ist weiterhin eher von vorsichtigem gegenseitigem Respekt geprägt.
Aber manches erkenne ich inzwischen doch wieder.
Den Humor zum Beispiel. Die Ausdauer. Und diese Eigenart, für Plan A besser gleich noch Plan B, C und D bereitzuhalten, weil Plan A erfahrungsgemäß irgendwann beschließt, nicht mehr mitzumachen.
Auch beim Essen waren wir grundverschieden. Mein Vater konnte gefühlt fünf Schnitzel essen und danach genauso viel wiegen wie vorher. Bei mir reicht manchmal schon die Anwesenheit einer Pizza im gleichen Postleitzahlengebiet, um nervös zu werden.
Nein, ich bin nicht mein Vater.
Aber ich bin sein Sohn.
Und je älter ich werde, desto mehr entdecke ich Dinge an mir, bei denen ich denke: Das kenne ich doch irgendwoher.
Heute Abend brennt wieder die Laterne auf dem alten Fichtenstumpf.
Mehr braucht es manchmal gar nicht.
Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck
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Der Text hat mich wirklich beeindruckt.