Ich wollte doch nur eine kleine Runde laufen

Dieser Beitrag erzählt von einer Tour am 26. März 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Eigentlich wollte ich nur meine neue Standardrunde laufen. Eine Strecke, die ich inzwischen kannte und bei der ich ungefähr wusste, was mich erwartet. Ein bisschen Bewegung, ein paar Übungen an der Bank und anschließend wieder zurück zum Auto.

Irgendwo zwischen dem ersten und dem zweiten Meinhardsee hatte dieser Plan dann offenbar Feierabend.

Ich bog nämlich nicht wie sonst auf meinen gewohnten Weg ab. Stattdessen ging es weiter. Erst einmal nur ein Stück. Dann noch eins. Und irgendwann war klar: Wenn ich jetzt weiterlaufe, wird aus der kleinen Runde etwas deutlich Größeres.

Genau davor hatte ich Respekt. Damals brachte ich deutlich über 150 Kilo auf die Waage, mein Rücken machte immer wieder Probleme und Kondition gehörte nicht unbedingt zu den Dingen, mit denen ich auf Partys hätte angeben können. Eine längere Runde Richtung Jestädt und anschließend wieder zurück zu den Meinhardseen erschien mir deshalb ziemlich ambitioniert.

Andererseits wusste ich auch: Wenn ich jedes Mal umdrehe, sobald eine Strecke ein bisschen zu groß aussieht, werde ich nie herausfinden, ob sie tatsächlich zu groß ist.

Also ging ich weiter.

Nach ungefähr drei Kilometern machte ich eine kurze Pause. Danach führte der Weg im Zickzack durch die Felder Richtung Jestädt. Die ersten Flächen waren bereits für die kommende Spargelsaison vorbereitet, und der Wind machte ziemlich deutlich, dass er an diesem Tag ebenfalls beschäftigt werden wollte.

Ostwind.

Ich mag Gegenwind ungefähr so sehr wie ungeplante Windows-Updates.

Nur mal eben bis Jestädt

Jestädt kam näher und ich stellte fest, dass dieser Ort dringend eine Eisdiele gebrauchen könnte. Ein schönes Vanilleeis wäre jetzt durchaus willkommen gewesen. Oder wenigstens irgendetwas zu trinken.

Das wiederum führte mich zu einer anderen Erkenntnis: Meine Vorbereitung auf diese Tour war bemerkenswert schlecht.

Kein Getränk. Mein Asthma-Notfallspray hatte ich ebenfalls nicht dabei. Geld hatte ich auch keines eingesteckt. Ich war also hervorragend ausgerüstet, solange unterwegs absolut nichts passierte und ich nichts brauchte.

Kann man machen.

Muss man aber nicht unbedingt als Konzept übernehmen.

Hinter Jestädt lief ich weiter entlang der Weinberge. Ja, Weinberge. Auch hier an der Werra wurde und wird Wein angebaut, wenn auch natürlich in einer etwas anderen Größenordnung als an Rhein oder Mosel.

Von meiner ursprünglich geplanten kleinen Runde war ich inzwischen jedenfalls ziemlich weit entfernt.

Irgendwann sah ich in der Ferne Häuser und dachte kurz darüber nach, einfach noch weiterzugehen. Albungen wäre irgendwann erreichbar gewesen. Dort hätte ich bei meiner Cousine einen Kaffee trinken, vielleicht ein Stück Torte essen und mich anschließend zum Auto fahren lassen können.

Ein durchaus überzeugender Plan.

Bis auf den Teil mit dem Zurückfahren.

Also drehte ich um.

Gegenwind und Gegenverkehr

Auf dem Rückweg lief ich wieder über den gemeinsamen Rad- und Wanderweg entlang der Werra. Der Ostwind war natürlich noch da und kam jetzt genau aus der Richtung, in die ich musste.

Dann hörte ich hinter mir ein Motorengeräusch.

Ein Motorrad fuhr an mir vorbei.

Dann noch eins.

Und noch eins.

Nach einer kurzen Pause kamen die nächsten beiden.

Auf dem Rad- und Wanderweg.

Die Straße verlief nicht weit entfernt, aber offenbar war dieser Weg für einige Motorradfahrer interessanter. Ich sah das etwas anders. Zumal man als Fußgänger auf so einem Weg nicht unbedingt damit rechnet, dass plötzlich mehrere Motorräder von hinten angeschossen kommen.

In meinem Kopf meldete sich Bud Spencer.

Ich hatte damals ungefähr genauso viel Bart im Gesicht und dachte sinngemäß: Dem nächsten gehört eine gepaddelt, dass er Rad schlägt, bis er in der Werra liegt.

Zum Glück für alle Beteiligten kam keiner mehr.

Vor allem für mich. Ich bin ziemlich sicher, dass die praktische Umsetzung dieses Plans erheblich schlechter funktioniert hätte als die Version in meinem Kopf.

Die schiefe Bank und ein schlecht gelaunter Schwan

Kurz darauf kam ich an einer meiner Lieblingskuriositäten vorbei: der „schiefen Bank“.

Die heißt tatsächlich so.

Wenn man davorsteht, sieht sie zunächst aus, als hätte beim Aufbau jemand die Wasserwaage zu Hause vergessen. Tatsächlich sind nur die Beine an den unebenen Untergrund angepasst. Der eine Träger ist deutlich kürzer als der andere, damit die Sitzfläche am Ende gerade ist.

Eigentlich völlig logisch.

Sieht trotzdem lustig aus.

Je näher ich wieder an die Meinhardseen kam, desto sicherer war ich, dass diese Runde am nächsten Tag eine Rechnung schicken würde. Meine Beine würden sich schon melden. Mein Rücken vermutlich auch. Spätestens beim Aufstehen würde ich erfahren, was er von meinem kleinen Ausflug nach Jestädt hielt.

Vorher musste ich allerdings noch mit einem Schwan verhandeln.

Der hatte offenbar beschlossen, dass ein Stück Feld ihm gehörte und betrachtete meine Anwesenheit als persönlichen Angriff auf seine territorialen Interessen. Kurz darauf stritt er sich auch mit anderen Schwänen, was mich etwas beruhigte.

Es lag also nicht ausschließlich an mir.

Aus der kleinen Runde wurden zwölf Kilometer

Dann waren die Seen wieder richtig nah. Wenig später stand ich an der Freizeitanlage und damit dort, wo mein Auto wartete.

Aus den ursprünglich ungefähr sechs Kilometern waren fast zwölf geworden.

Ich war müde, aber ich war angekommen. Ohne Abkürzung über meine Cousine, ohne Taxi und – für die skeptischen Radfahrer dieser Welt ausdrücklich erwähnt – ohne irgendwo heimlich ein Auto geparkt zu haben.

Und ich war mir absolut sicher, dass ich am nächsten Morgen einen Muskelkater haben würde, der mich für meinen Übermut angemessen bestrafen würde.

Ich bekam keinen.

Das hat mich fast mehr überrascht als die zwölf Kilometer.

Die Tour bedeutete allerdings nicht, dass damals plötzlich alles gut war. Meine Rückenbeschwerden waren weiterhin da. Auch mein rechter Arm machte Probleme und hatte bei bestimmten Bewegungen deutlich weniger Kraft als früher. Beim halbjährlichen Termin beim Lungenarzt war meine Lungenfunktion an diesem Tag ebenfalls schlechter als gewohnt; mein Arzt sprach von einem schlechten Tag, und meine Werte zu Hause waren anschließend wieder besser.

Ich war also weit entfernt davon, plötzlich fit und beschwerdefrei durch die Gegend zu hüpfen.

Aber an diesem Sonntag hatte ich etwas geschafft, das ich mir vorher nicht wirklich zugetraut hatte.

Nicht, weil ich mich mit einem großen Motivationsspruch aus dem Bett katapultiert hätte. Ich war einfach an meiner üblichen Abzweigung vorbeigelaufen, wollte wissen, wie weit ich komme – und hatte irgendwann keine Lust mehr umzudrehen.

Im Rückblick gefällt mir genau das an dieser Geschichte.

Bewegung war an diesem Tag nicht das eigentliche Ziel. Ich wollte sehen, wie der Weg weitergeht.

Und plötzlich waren es zwölf Kilometer.

Foto: Norbert Beck / Beitrags-Bild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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