Der Angriff kam von hinten

Es waren die 2000er-Jahre, als ich meine erste Läuferkarriere hatte. Ich lief damals regelmäßig meine Runde bei Eschwege: vom Felsenkeller über den Treppenpfad Richtung Bismarckturm, weiter zum Leuchtbergsattel, um den kleinen Leuchtberg herum und durch die Werraauen wieder zurück. Viel Wald, gelegentlich Wild und normalerweise eine ziemlich ruhige Strecke.

An einem dieser Tage bekam ich plötzlich einen Schlag auf den Hinterkopf.

Im ersten Moment wusste ich überhaupt nicht, was passiert war. Ich hatte keinen Ast gesehen und niemanden hinter mir gehört. Erst als vor mir ein Vogel wegflog, wendete und wieder auf mich zukam, begriff ich langsam, dass mir gerade ein Greifvogel von hinten über den Schädel geflogen war.

Ein Bussard.

Und der hatte offenbar noch nicht genug.

Beim zweiten Anflug wusste ich immerhin, was da kam

Der nächste Angriff verfehlte mich. Danach rechnete ich damit, dass der Vogel wieder von hinten kommen würde. Irgendwie bekam ich einen Stock zu greifen und warf ihn in Richtung des Bussards. Ich traf ihn wohl an den Greifern, und kurz darauf ließ er von mir ab. Damals dachte ich, mein Treffer hätte ihn vertrieben. Heute sehe ich das anders. Wahrscheinlicher ist, dass ich mich inzwischen einfach weit genug von dem Bereich entfernt hatte, den der Vogel verteidigen wollte.

Am Ende des Tages hatte ich eine gesäuberte Wunde auf dem Kopf, eine Kompresse und vorsichtshalber eine Auffrischung meiner Tetanusimpfung. Wirklich entspannt war ich danach erst einmal nicht, wenn irgendwo ein größerer Vogel über mir kreiste.

Damals machte genau so ein Bussard in der Gegend ohnehin von sich reden. Mehrere Jogger waren angegriffen worden, sogar Fernsehsender berichteten darüber. Für mich war das Thema allerdings nicht mehr nur irgendeine Meldung aus den Nachrichten. Ich hatte meine eigene Begegnung bereits hinter mir.

Aus Angst wurde irgendwann Respekt

Jahre später bekam ich Greifvögel aus einer ganz anderen Perspektive zu sehen.

Bis 2013 waren Brigitte Bökenkamp und Bernd Bongartz Falkner im hiesigen Tierpark. Dort gab es Bussarde, Falken, Eulen, Käuze und Uhus. Meine Mutter mochte Eulen sehr, deshalb waren wir regelmäßig dort. Ich fotografierte die Vögel, während meine Mutter sich mit den Menschen und teilweise offenbar auch mit den Eulen unterhielt.

Man hatte manchmal wirklich den Eindruck, dass sie sich mit den Tieren gut verstand.

Für mich war die Falknerei vor allem deshalb interessant, weil ich dort langsam lernte, Greifvögel anders wahrzunehmen. Nach meiner ersten Erfahrung mit dem Bussard war da zunächst vor allem Vorsicht. Beim ersten Mal mit einem Falknerhandschuh und einem Steppenbussard, der auf meiner Hand landen sollte, war ich entsprechend angespannt.

Mit der Zeit wurde daraus Respekt.

Nicht dieses romantische „Die Natur ist immer lieb und friedlich“. Das wäre Quatsch. Ein Greifvogel ist kein Stofftier, und wenn Nachwuchs in der Nähe ist, kann er sehr deutlich machen, dass man unerwünscht ist.

Aber ich musste auch nicht jedes Mal automatisch Angst bekommen, sobald irgendwo ein Bussard auftauchte.

Jahre später fiel plötzlich einer vor mir aus dem Baum

Bei einem Trainingslauf an den Balzerbornteichen bei Bad Sooden-Allendorf hatte ich später noch einmal eine Begegnung mit einem Bussard.

Diesmal lief sie komplett anders.

Ein Jungvogel fiel praktisch vor mir aus den Bäumen auf den Boden. Ich weiß nicht, wer von uns beiden mehr erschrocken war. Jedenfalls blieb ich stehen und ging dann auf Abstand. Der junge Bussard versuchte sich zu sortieren und machte immer wieder Flugversuche.

Nach einer Weile bemerkte ich einen Altvogel, der oberhalb der Bäume kreiste. Offensichtlich störte meine Anwesenheit.

Diesmal kam mir nicht die Idee, einen Stock zu suchen.

Ich vergrößerte einfach meinen Abstand.

Immer weiter, bis der Altvogel schließlich bei seinem Nachwuchs landen konnte. Danach zog ich langsam weiter. Es wurde ohnehin dunkler und kühler.

Ganz verschwunden war meine Neugier allerdings nicht.

Bevor ich endgültig zum Auto zurückging, näherte ich mich von der anderen Seite noch einmal vorsichtig der Stelle. Altvogel und Jungvogel waren verschwunden. Ob der Kleine inzwischen doch noch vernünftig in die Luft gekommen war, weiß ich nicht.

Aber diese Begegnung ist mir deutlich angenehmer in Erinnerung geblieben als die erste.

Wenn ein Bussard seine Ruhe will

Bussardangriffe auf Menschen kommen vor allem dann vor, wenn die Tiere Nachwuchs in der Nähe haben und eine Person als Bedrohung wahrnehmen. Betroffen ist normalerweise nur ein begrenzter Bereich. Wer weiß, dass auf einer bestimmten Strecke gerade ein Bussard seinen Nachwuchs verteidigt, fährt oder läuft für eine Weile am besten eine andere Runde.

Mehr muss ich daraus eigentlich gar nicht machen.

Ich hatte damals einfach Pech, mitten durch einen Bereich zu laufen, in dem ein Bussard offenbar der Meinung war, dass ich dort nichts verloren hatte.

Meine Reaktion mit dem Stock war rückblickend keine besonders kluge Idee.

Glücklicherweise ist nichts weiter passiert.

Der erste Bussard hat mir eine Lektion erteilt

Wenn ich heute einen Bussard über einem Feld kreisen sehe, denke ich deshalb nicht zuerst an meinen blutigen Kopf.

Meistens schaue ich einfach hoch.

Diese Vögel sind beeindruckend.

Vielleicht gerade deshalb, weil ich weiß, dass sie nicht für unsere Unterhaltung dort sind und auch keinen besonderen Wert darauf legen, dass ein Jogger ihre Kinderstube besichtigt.

Beim ersten Mal hat ein Bussard mir das ziemlich direkt vermittelt.

Von hinten.

Und mit den Krallen voraus.

Seitdem halte ich lieber etwas Abstand.

Das funktioniert für beide Seiten deutlich besser.


Hinweis: Dieser Beitrag basiert auf persönlichen Erlebnissen aus meiner Laufzeit in den 2000er-Jahren und wurde im August 2026 redaktionell überarbeitet. Meine damalige Reaktion auf den Bussardangriff war spontan und sollte nicht als Verhaltensempfehlung verstanden werden.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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