9-Euro-Ticket: Viel Zeit, volle Züge und trotzdem unterwegs

Im Sommer 2022 konnte man für neun Euro einen Monat lang mit dem Nahverkehr durch Deutschland fahren.

Neun Euro.

Für einen ganzen Monat.

Natürlich musste ich das ausprobieren.

Nicht theoretisch. Nicht mit einem Taschenrechner und der Frage, wie viele Kilometer man für neun Euro möglichst effizient aus dem deutschen Schienennetz herauspressen kann.

Ich bin gefahren.

Unter anderem Richtung Koblenz, Bremerhaven und Erfurt.

Und ziemlich schnell wurde klar: Wer mit dem 9-Euro-Ticket unterwegs war, brauchte vor allem eine Sache.

Zeit.

Regionalbahn ist kein ICE

Das klingt banal, war aber für mich ein wichtiger Punkt.

Wer mit Regionalzügen quer durchs Land fährt, muss damit rechnen, dass die Reise länger dauert. Es gibt mehr Halte, mehr Umstiege und damit auch mehr Möglichkeiten, dass unterwegs irgendetwas nicht so funktioniert wie geplant.

Für neun Euro fand ich das völlig in Ordnung.

Ich hatte schließlich kein Ticket gekauft, das versprach, mich mit Höchstgeschwindigkeit durch Deutschland zu befördern.

Ich wollte unterwegs sein.

Und das war ich.

Manchmal ziemlich lange.

Plötzlich wollten alle Bahn fahren

Das 9-Euro-Ticket hatte allerdings einen kleinen Nebeneffekt:

Ich war mit der Idee nicht allein.

Die Züge waren teilweise richtig voll.

Menschen mit Fahrrädern.

Menschen mit Koffern.

Menschen auf dem Weg zu Veranstaltungen.

Urlauber.

Pendler.

Und irgendwo dazwischen ich.

Spätestens an größeren Bahnhöfen wurde das Einsteigen gelegentlich zu einer kleinen logistischen Übung.

Wer zuerst rein?

Wo passt noch ein Fahrrad hin?

Ist dieser Platz wirklich frei?

Und warum besitzt der Mensch vor mir offenbar genug Gepäck für die dauerhafte Besiedlung eines kleineren Inselstaates?

Gerade bei längeren Fahrten wurde schnell deutlich, dass das Experiment 9-Euro-Ticket nicht nur die Bahn, sondern auch uns Fahrgäste ein bisschen forderte.

Nicht jede Verspätung ruinierte den Tag

Natürlich gab es Verspätungen.

Manchmal wurde ein Anschluss knapp.

Manchmal war er weg.

Und gelegentlich stand ich an einem Bahnsteig und konnte meine ursprünglich geplante Verbindung gedanklich verabschieden.

Das war ärgerlich.

Aber ich hatte mir für diese Fahrten bewusst Zeit genommen.

Vielleicht war genau das der Unterschied.

Wenn ich für sehr wenig Geld quer durchs Land fahren möchte, kann ich schlecht gleichzeitig verlangen, dass jede Verbindung wie ein Uhrwerk funktioniert und mich jemand am Zielbahnhof mit einem warmen Handtuch begrüßt.

Also suchte ich die nächste Verbindung.

Und fuhr weiter.

Die Szene in Göttingen, die hängen geblieben ist

Eine Situation ist mir besonders im Gedächtnis geblieben.

Am Bahnhof Göttingen war ein Aufzug außer Betrieb.

Für viele Reisende ist das lästig.

Für Menschen mit Kinderwagen, schwerem Gepäck oder Rollstuhl kann es ein richtiges Problem sein.

Und plötzlich mussten Menschen einander helfen.

Da wurde angefasst, getragen und gemeinsam versucht, eine Situation zu lösen, die technisch eigentlich gar nicht hätte entstehen dürfen.

Interessant fand ich dabei weniger, wer geholfen hat.

Interessant war, wie schnell manche Vorstellungen darüber, wer sich wie verhält, in der Realität ziemlich wertlos werden können.

Da standen plötzlich ganz unterschiedliche Menschen zusammen und machten einfach das, was gerade nötig war.

Manchmal erzählt ein kaputter Aufzug mehr über eine Reise als der eigentliche Zielort.

Das Ticket hat mich tatsächlich rausgebracht

Rückblickend ist das für mich der wichtigste Punkt.

Das 9-Euro-Ticket war natürlich Verkehrspolitik.

Es wurde diskutiert, ausgewertet und kritisiert. Es gab volle Züge und überlastete Strecken.

Für mich persönlich war es aber vor allem eine ziemlich einfache Einladung:

Fahr los.

Für neun Euro musste ich nicht lange darüber nachdenken, ob sich eine bestimmte Fahrt finanziell lohnt.

Ich konnte ein Ziel aussuchen und schauen, wie ich mit Regionalzügen dorthin komme.

Koblenz?

Probieren wir es.

Bremerhaven?

Warum nicht?

Erfurt?

Los.

Nicht jede Fahrt war bequem.

Nicht jeder Zug pünktlich.

Und nicht jeder Mitreisende wäre meine erste Wahl für einen gemeinsamen dreiwöchigen Urlaub gewesen.

Aber ich war unterwegs.

Was davon geblieben ist

Das 9-Euro-Ticket gab es nur drei Monate.

Meine Erinnerungen daran bestehen trotzdem nicht aus neun Euro.

Ich erinnere mich an volle Bahnsteige.

An Regionalzüge, in denen jeder freie Zentimeter plötzlich einen gewissen Wert bekam.

An Umstiege.

An Verspätungen.

An Menschen mit erstaunlichen Mengen Gepäck.

Und an Situationen wie den kaputten Aufzug in Göttingen.

Vor allem erinnere ich mich daran, dass ich das Ticket tatsächlich benutzt habe, um meine Welt ein Stück größer zu machen.

Nicht besonders komfortabel.

Nicht besonders schnell.

Aber für neun Euro ziemlich weit.

Und wenn man mich fragt, ob das immer angenehm war?

Nein.

Ob ich froh bin, dass ich damit losgefahren bin?

Ja.


Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt meine persönlichen Erfahrungen mit dem 9-Euro-Ticket im Sommer 2022 und wurde im August 2026 redaktionell überarbeitet. Das 9-Euro-Ticket war ein zeitlich begrenztes Angebot und ist heute nicht mehr erhältlich.


Foto: canva PRO / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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