Du bist doch kein Trecker

Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 12. März 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Die Trainingswoche lief anders als geplant. Eigentlich wollte ich morgens meine Runde drehen, aber mein Rücken hatte dazu eine ziemlich eindeutige Meinung. Morgens machte er Probleme, über den Tag beruhigte sich das Ganze meistens wieder und so lief ich eben abends nach der Arbeit.

Immerhin: Ich lief.

Meine neue Standardrunde führte nicht mehr an der Pferdetherapie vorbei, sondern entlang eines der vielen Teiche in der Werraaue zwischen Grebendorf und Jestädt. Etwa 2,4 Kilometer, flach und gerade am Abend ziemlich schön. Nach manchen Runden setzte ich mich noch auf die Bank neben meinem Auto und schaute zu, wie die Sonne hinter dem Meißner verschwand.

Dafür musste ich keinen Trainingsplan optimieren. Einfach sitzen und gucken reichte vollkommen.

Über die Woche kamen inklusive einer längeren Sonntagsrunde 20,8 Kilometer zusammen. Für mich war das damals eine ganze Menge. Es gab Zeiten, da war ich in drei Monaten nicht auf solche Strecken gekommen.

Am Sonntag wollte ich deshalb etwas länger laufen und hatte mir die Bruchteiche vorgenommen. Die Runde um beide Teiche kannte ich und normalerweise war das genau die Sorte Strecke, die mir gefiel.

Nur hatte das Wetter andere Pläne.

Blauer Himmel, ungefähr 15 Grad, Sonne – kurz gesagt: Kaiserwetter. Entsprechend voll waren die Wege. Am ersten Parkplatz drehte ich gleich wieder um. Am zweiten versuchte ich es immerhin, brach aber nach nicht einmal 300 Metern ab.

Zu viele Menschen.

Ich wollte meine Ruhe.

Lieber Feldweg als Völkerwanderung

Genau das mag ich an der Werraaue rund um Eschwege. Man muss nur ein bisschen abseits der beliebten Wege gehen und plötzlich ist da nicht mehr viel. Felder, Wiesen, Teiche und Wege dazwischen. Ich, meine Musik und diese monotone Bewegung, bei der der Kopf irgendwann aufhört, über jeden Unsinn nachzudenken.

Wenn man aufmerksam ist, gibt es dort außerdem einiges zu sehen. Schwäne, Enten, Rehe, Kaninchen, Füchse, Greifvögel und auch die seltenen weißen Kraniche, die ich dort beobachten konnte. Natürlich auch Nilgänse. Viele Nilgänse. Vermutlich besitzen die inzwischen Grundbucheinträge.

Ich blieb immer mal wieder stehen und beobachtete die Tiere. Ich hatte schließlich keinen Termin. Das war Training ohne jemanden, der mit einer Stoppuhr danebenstand und mich darüber informierte, dass ich gerade wertvolle Sekunden an einen Vogel verschwendete.

Hinter den Teichen bog ich irgendwann in die Felder ab. Den Weg kannte ich noch von früher und wusste, dass er weiter hinten ziemlich rumpelig wurde. Also machte ich mehrere Runden um ein großes Feld.

Ruhe.

Fast.

Irgendwann war da dieses Auto

Auf diesen Wegen war damals nach meiner Erinnerung nur landwirtschaftlicher Verkehr vorgesehen. Umso mehr wunderte ich mich, als plötzlich ein Auto auf dem Parallelweg auftauchte, reichlich Staub aufwirbelte und anschließend hinter mir auf meinen Weg einbog.

Der Feldweg war genau das, was der Name verspricht. Zwei ausgefahrene Spuren, dazwischen Gras, daneben Feld. Regen, schwere landwirtschaftliche Fahrzeuge und die Hochwasser der vergangenen Jahre hatten dem Weg ebenfalls ihre persönliche Note verliehen.

Ich lief weiter.

Wenn ich etwas ganz ordentlich kann, dann ist es ignorieren.

Das gilt für manches Zwicken beim Laufen und offenbar auch für Autofahrer, die hinter mir gerne schneller vorankommen möchten.

Zum Überholen war auf diesem Weg nicht wirklich Platz. Ich lief in einer der Fahrspuren, daneben war Gras und anschließend Feld. Der Fahrer blieb also hinter mir.

Und blieb.

Und blieb.

Irgendwann reichte es ihm offenbar. Er stieg aus, kam zu mir und machte seinem Unmut Luft.

Ich blieb freundlich und erklärte ihm, dass er nach der Beschilderung, wie ich sie damals verstanden hatte, mit seinem Auto ohnehin nicht auf diesem Weg unterwegs sein sollte. Die entsprechenden Schilder hatte er wahrscheinlich einfach übersehen.

Kann passieren.

Vielleicht wegen des ganzen Staubs.

Irgendwann sagte ich, dass er schließlich auch nicht überholen könnte, wenn vor ihm ein großes langsames Fahrzeug unterwegs wäre.

Seine Antwort kam sofort:

„Du bist doch kein Trecker.“

So etwas sollte man mir nicht sagen.

Ich sah auf den Weg und antwortete sinngemäß:

„Hast du schon gemerkt, wie schön platt der hier ist? Noch 486 Runden und der Buckel da vorne ist auch weg.“

Damit ließ ich ihn stehen und lief weiter.

Sechs Kilometer und ein zufriedener Trecker

Der Autofahrer bog irgendwann rechts auf einen Weg ab, der mehr aus Gras als aus Weg bestand und ihn vermutlich wieder dorthin zurückführte, wo er hergekommen war.

Etwa 200 Meter später bog auch ich ab.

Für mich war das Training beendet.

Am Ende standen mehr als sechs Kilometer auf der Uhr. Dazu ein bisschen Natur, ein paar Tiere, deutlich weniger Menschen als an den Bruchteichen und eine Begegnung, die zumindest mich ziemlich gut unterhalten hatte.

Perfekt war damals trotzdem nicht alles. Mein Rücken machte schon seit einigen Wochen Probleme und war auch der Grund dafür, dass aus meinen geplanten Morgenrunden meistens Abendrunden wurden. Aber an diesem Tag funktionierte es.

Und manchmal reicht das eben.

Mehr als sechs Kilometer gelaufen, meine Ruhe gefunden und einen unfreundlichen Menschen genervt.

Perfektes Training, würde ich sagen.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

Schreibe einen Kommentar