Die Bundeswehr im Wattenmeer: Als es beim Joggen plötzlich knallte

Irgendwann um 2013 herum war ich an der schleswig-holsteinischen Nordseeküste joggen.

Die Gegend zwischen Friedrichskoog und Elpersbüttel ist dafür eigentlich ziemlich dankbar. Flaches Land, weiter Himmel, viel Landschaft und wenig, was einem ernsthaft im Weg steht.

Und dann knallte es.

Nicht irgendwo weit weg ein bisschen. Sondern so, dass ich ziemlich genau wusste: Das war kein vorbeifahrender Lastwagen und auch kein besonders motivierter Landwirt.

Erst in diesem Moment nahm ich die Schilder mit den Hinweisen auf den militärischen Bereich richtig wahr.

Ich war im Wattenmeer unterwegs.

Und irgendwo in dieser Landschaft wurden Waffen erprobt.

Das war eine Kombination, die ich erst einmal sortieren musste.

Weltnaturerbe mit militärischem Sperrgebiet

Das Wattenmeer gehört zu den außergewöhnlichsten Naturlandschaften Europas. Die deutschen und niederländischen Teile wurden 2009 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen, später kamen weitere Gebiete hinzu.

Es ist Lebensraum für tausende Tier- und Pflanzenarten und eines der wichtigsten Gebiete für Zugvögel.

Und ausgerechnet hier gibt es in der Meldorfer Bucht bis heute ein militärisches Sperrgebiet.

Das wirkt erst einmal ungefähr so passend wie ein Presslufthammer im Lesesaal.

Allerdings ist die Geschichte älter als der Nationalpark und älter als der UNESCO-Titel.

Seit den 1960er-Jahren wurden in der Meldorfer Bucht Waffen erprobt. Die militärische Nutzung bestand also bereits lange, bevor das schleswig-holsteinische Wattenmeer 1985 Nationalpark wurde.

Das erklärt, wie diese ungewöhnliche Nachbarschaft entstanden ist.

Ob sie deshalb sinnvoll ist, ist eine andere Frage.

Heute wird deutlich weniger geschossen

Mein damaliger Eindruck beim Joggen hätte leicht zu der Vorstellung führen können, dass dort regelmäßig militärischer Betrieb herrscht.

So ist es heute nicht.

Nach Angaben der Nationalparkverwaltung wurden die Waffenerprobungen über die Jahrzehnte erheblich reduziert. Während es in früheren Zeiten noch zahlreiche Erprobungstage gab, finden sie inzwischen nur noch an wenigen Tagen im Jahr statt.

Die Nationalparkverwaltung spricht aktuell von ein bis zwei Tagen jährlich.

Auch andere militärische Aktivitäten im Wattenmeer wurden seit den 1990er-Jahren deutlich zurückgefahren oder ganz beendet.

Das sollte man erwähnen.

Denn zwischen „Hier gibt es immer noch militärische Erprobungen“ und „Im Nationalpark wird ständig geschossen“ liegt ein ziemlich großer Unterschied.

Trotzdem bleibt der Widerspruch

Und trotzdem finde ich die Sache bis heute merkwürdig.

Ein Nationalpark soll Natur möglichst ungestört schützen. Das Wattenmeer besitzt zusätzlich den Status eines UNESCO-Weltnaturerbes.

Gleichzeitig existiert dort weiterhin ein Bereich, in dem Waffen getestet werden dürfen.

Selbst die Nationalparkverwaltung beschreibt die militärische Nutzung nicht gerade begeistert. Schon seit Jahrzehnten gibt es Bemühungen, die Belastungen weiter zu reduzieren.

Das ist für mich der eigentlich interessante Punkt.

Nicht die große Empörung.

Sondern dieser merkwürdige historische Widerspruch, der bis heute erhalten geblieben ist.

Auf der einen Seite wird sehr genau darüber gesprochen, wie empfindlich das Wattenmeer auf Störungen reagiert.

Auf der anderen Seite gibt es dort einen militärischen Bereich, dessen Existenz aus einer ganz anderen Zeit stammt.

Beides ist gleichzeitig wahr.

Ein Knall, den ich nicht vergessen habe

Wahrscheinlich hätte ich mich ohne diesen Lauf nie näher mit dem Thema beschäftigt.

Ich wäre an den Schildern vorbeigefahren, hätte irgendwo aufs Watt geschaut und wäre anschließend wieder nach Hause gefahren.

Der Knall hat meine Aufmerksamkeit geweckt.

Genau das ist mir von dieser Geschichte geblieben.

Manchmal steht man an einem Ort und glaubt ungefähr zu wissen, was man da vor sich hat.

Nordsee.

Deich.

Watt.

Vögel.

Ruhe.

Und dann macht es irgendwo hinterm Horizont ordentlich Bumm und die Landschaft bekommt plötzlich eine Geschichte, mit der man nicht gerechnet hat.

Dass die militärischen Erprobungen inzwischen stark reduziert wurden, halte ich für eine gute Entwicklung.

Dass sie überhaupt noch stattfinden, finde ich in einem Nationalpark und Weltnaturerbe weiterhin schwer zusammenzubringen.

Aber immerhin weiß ich heute, was damals beim Joggen so geknallt hat.

Für einen Trainingslauf war das jedenfalls eine bemerkenswert aufwendige Geräuschkulisse.


Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich am 8. Oktober 2021 und wurde im August 2026 redaktionell und sachlich überarbeitet. Meine Erinnerung an den Knall beim Joggen stammt aus der Zeit um 2013. Die Angaben zur heutigen militärischen Nutzung wurden anhand aktueller beziehungsweise weiterhin veröffentlichter Informationen der Nationalparkverwaltung geprüft.

Quellen

  • Deutsche UNESCO-Kommission: Wattenmeer – Weltnaturerbe
  • Nationalpark Wattenmeer: „Erfolge“ – Entwicklung der militärischen Nutzung und Waffenerprobungen in der Meldorfer Bucht
  • Nationalpark Wattenmeer: „40 Erfolge – 10 Herausforderungen“ – heutiger Umgang mit dem militärischen Sperrgebiet

Foto: Norbert Beck / Grafik-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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