Die Dose traf mich am Kopf.
Nicht besonders elegant. Nicht besonders überraschend. Eher so, als würde jemand sagen: Du bist jetzt dran.
Die anderen lachten.
Eine Lehrerin bekam mit, dass etwas passiert war und fragte mich, was los sei.
Meine Antwort war:
„Ich bin nur hingefallen.“
War ich natürlich nicht.
Aber in diesem Moment war mir die Lüge lieber als die Wahrheit.
Bloß nicht noch mehr auffallen
Mobbing war damals kein Wort, das bei uns ständig benutzt wurde.
Es war einfach etwas, das passierte.
Eine Dose gegen den Kopf.
Ein Bein auf der Treppe.
Sprüche.
Lachen.
Dieses Gefühl, dass man besser immer ein bisschen aufpasst, weil jederzeit wieder etwas kommen könnte.
Im Nachhinein kann ich ziemlich gut erkennen, warum ich für manche in der Klasse ein leichtes Ziel war.
Ich war jünger als viele andere.
Ich kam aus einer Arbeiterfamilie.
Ich war schulisch ziemlich gut.
Ich war übergewichtig und sportlich nicht gerade derjenige, der beim Mannschaftswählen als Erstes genommen wurde.
Das waren Unterschiede.
Und andere haben sie benutzt.
Ich sagte nichts
Das ist im Rückblick vielleicht der Teil, den ich selbst am schwersten nachvollziehen kann.
Warum habe ich nichts gesagt?
Warum bin ich nicht zu meinen Eltern gegangen?
Warum nicht zu Lehrern?
Warum habe ich mich nicht gewehrt?
Zumindest nicht früher.
Heute ist die Antwort für mich ziemlich einfach:
Weil ich mich geschämt habe.
Nicht für das, was die anderen gemacht haben.
Sondern dafür, dass es mir passiert ist.
Das klingt im Nachhinein absurd.
War es damals aber nicht.
Wenn du jeden Tag darauf hoffst, möglichst wenig aufzufallen, dann gehst du nicht freiwillig los und sorgst dafür, dass plötzlich alle über genau das reden.
Also sagte ich:
Ich bin hingefallen.
Und hoffte, dass das Thema damit erledigt wäre.
Irgendwann habe ich zurückgeschlagen
Natürlich blieb es nicht dabei.
Irgendwann war der Punkt erreicht, an dem ich mich körperlich gewehrt habe.
Es kam zu einer Schlägerei.
Und plötzlich war ich derjenige, bei dem über Gewalt gesprochen wurde.
Das war eine merkwürdige Erfahrung.
Wo vorher lange niemand genauer hingesehen hatte, war auf einmal sehr klar sichtbar, dass ich jemanden geschlagen hatte.
Dass davor etwas passiert war, spielte zumindest für mein damaliges Empfinden kaum noch eine Rolle.
Die Botschaft, die bei mir hängen blieb, war ziemlich simpel:
Am besten machst du gar nichts.
Am besten fällst du nicht auf.
Am besten bist du irgendwie unsichtbar.
Der Schulwechsel änderte vieles
Später wechselte ich aufs Gymnasium.
Dort kannte niemand meine alte Rolle.
Niemand wusste, wer vorher über mich gelacht hatte.
Niemand hatte abgespeichert, dass ich derjenige war, bei dem man sich einen Spruch erlauben konnte.
Das war ein Neustart.
Ich fand Freunde.
Und ich merkte irgendwann, dass Menschen auch einfach nett zu mir sein konnten, ohne dass dahinter automatisch irgendein Haken steckte.
Das klingt banal.
Für mich war es das nicht.
Die Situation von früher war vorbei.
Ganz weg war sie trotzdem nicht
Ich würde gerne sagen, dass damit alles erledigt war.
War es aber nicht.
Bestimmte Dinge sind geblieben.
Misstrauen zum Beispiel.
Das Gefühl, bei Menschen erst einmal sehr genau hinsehen zu müssen.
Die Frage, ob jemand etwas wirklich so meint oder ob gleich noch etwas kommt.
Und manchmal auch dieser alte Reflex:
Raus hier.
Nicht auffallen.
Lieber zurückziehen, bevor etwas passiert.
Ich weiß heute, dass nicht jeder Mensch etwas gegen mich hat.
Ich weiß auch, dass nicht jedes Lachen etwas mit mir zu tun hat.
Trotzdem gibt es Situationen, in denen der Kopf schneller reagiert als der Verstand.
Ich habe kein Rezept dafür
Ich könnte jetzt anfangen, Ratschläge aufzuschreiben.
Mobbing melden.
Vertrauenspersonen suchen.
Alles dokumentieren.
Sich Hilfe holen.
Vieles davon kann richtig und wichtig sein.
Aber ich möchte aus meiner Geschichte keine Anleitung machen.
Ich war damals ein Kind beziehungsweise Jugendlicher in einer Situation, mit der ich schlecht umgehen konnte.
Ich habe Dinge verschwiegen.
Ich habe mich irgendwann gewehrt.
Ich habe mich später zurückgezogen.
Und ich habe Jahre gebraucht, um manches davon überhaupt einzuordnen.
Mehr kann ich dazu eigentlich nicht ehrlich behaupten.
Was geblieben ist
Wenn ich heute an diese Zeit denke, erinnere ich mich nicht an jede einzelne Situation.
Aber an manche Sätze schon.
„Ich bin nur hingefallen“ gehört dazu.
Nicht weil der Satz besonders klug war.
Sondern weil er ziemlich genau beschreibt, was damals passiert ist.
Etwas war offensichtlich falsch.
Jemand fragte nach.
Und ich tat so, als wäre nichts.
Die Schulzeit ist lange vorbei.
Die Menschen von damals spielen in meinem Alltag keine Rolle mehr.
Aber manches, was man in solchen Jahren lernt, legt man später nicht einfach ab wie einen alten Rucksack.
Man trägt es noch ein Stück weiter.
Manchmal länger, als einem lieb ist.
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt meine persönlichen Erfahrungen aus meiner Schulzeit und wurde im August 2026 redaktionell überarbeitet. Er erhebt keinen Anspruch auf allgemeine Aussagen darüber, wie Mobbing immer verläuft oder wie Betroffene damit umgehen sollten.
Foto: canva Pro/Layout: Norbert Beck und canva PRO