Es gab eine Zeit, da hatte mein Tag ziemlich klare Regeln.
Aufstehen. Nach meiner Mutter sehen. Essen und Trinken organisieren. Medikamente. Dann zur Arbeit.
Acht Stunden später wieder nach Hause.
Kochen. Spritzen setzen. Medikamente vorbereiten. Schauen, was noch gemacht werden musste. Warten auf den Pflegedienst.
Am nächsten Morgen begann das Ganze von vorne.
Meine Mutter war querschnittsgelähmt und auf Hilfe angewiesen. Ich hatte ihr versprochen, dass sie nicht in ein Heim muss.
Also funktionierte ich.
Nicht besonders heldenhaft. Nicht immer gut gelaunt. Und wahrscheinlich auch nicht immer besonders gesund.
Aber ich funktionierte.
365 Tage im Jahr.
Freizeit musste organisiert werden
Spontan irgendwo hinfahren?
Schwierig.
Einfach einen Tag nichts machen?
Noch schwieriger.
Selbst freie Zeit musste irgendwie in den Ablauf passen. Und wenn sie endlich da war, war ich häufig schon zu müde, um noch etwas damit anzufangen.
Krankwerden war ebenfalls keine besonders gute Idee.
Denn manche Dinge lassen sich nicht einfach liegenlassen, weil man selbst gerade keine Lust oder 39 Grad Fieber hat.
Mit den Jahren gewöhnte ich mich daran.
Immer etwas zu tun.
Immer etwas im Kopf zu haben.
Immer schon beim nächsten Punkt zu sein.
Ich hielt das irgendwann für normal.
Und plötzlich war alles vorbei
Mit dem Tod meiner Mutter endete diese Zeit.
Nicht auf eine Weise, die ich mir gewünscht hätte.
Aber von einem Tag auf den anderen fiel eine Aufgabe weg, die mein Leben jahrelang bestimmt hatte.
Eigentlich hätte ich nun sagen können:
Jetzt hast du endlich Zeit für dich.
Nur wusste ich überhaupt nichts damit anzufangen.
Ich hatte so lange funktioniert, dass ich offenbar verlernt hatte, wie man nicht funktioniert.
Also tat ich etwas ausgesprochen Sinnvolles:
Ich machte mir wieder Termine.
Wenn irgendwo eine freie Stelle im Kalender auftauchte, ließ sich bestimmt irgendetwas hineinpressen.
Hauptsache beschäftigt.
Hauptsache keine Leere.
Das war vertraut.
Dann saß ich auf einem Deich
Irgendwann war ich in Friedrichskoog-Spitze.
Ich setzte mich auf den Deich.
Mehr hatte ich eigentlich nicht vor.
Es war windig. Ich saß im T-Shirt da, während andere Menschen vermutlich bereits darüber nachdachten, wo sie ihre Winterjacke verstaut hatten.
Ich schaute aufs Wasser.
Auf die Wolken.
Auf Menschen, die vorbeigingen.
Zwischendurch traf ich gefühlt noch die halbe nordhessische Heimat.
Und irgendwann stellte ich fest, dass ich dort seit Stunden saß.
Vier Stunden.
Ich hatte nichts erledigt.
Nichts abgearbeitet.
Keinen Termin wahrgenommen.
Ich hatte nicht einmal besonders sinnvoll über irgendetwas nachgedacht.
Ich hatte einfach auf einem Deich gesessen.
Und das Erstaunliche war:
Die Welt war nicht untergegangen.
Das klingt lächerlich. War es für mich aber nicht.
Für jemanden, der gut abschalten kann, klingt das wahrscheinlich vollkommen banal.
Setz dich halt irgendwo hin.
Mach nichts.
Fertig.
Für mich war dieses Nichtstun damals etwas, das ich regelrecht wieder lernen musste.
Ich musste akzeptieren, dass ein freier Nachmittag nicht automatisch eine Lücke ist, die gefüllt werden muss.
Dass ich spazieren gehen kann, ohne ein Ziel erreichen zu müssen.
Dass ich Musik hören kann, ohne nebenbei etwas anderes zu erledigen.
Und dass zwei Stunden Kochen für mich manchmal entspannender sind als zwei Stunden auf dem Sofa.
Dafür gibt es bei mir inzwischen auch etwas ungewöhnlichere Lehrmeister.
Zum Beispiel Alpakas.
Wer einmal versucht hat, mit einem Alpaka irgendwohin zu gehen, während das Alpaka beschlossen hat, dass es jetzt lieber frisst, versteht das Prinzip ziemlich schnell.
Das Alpaka hat keinen Termin.
Dem Alpaka ist dein Zeitplan vollkommen egal.
Das Alpaka frisst jetzt.
Man kann darüber diskutieren, wer von uns beiden damit das klügere Lebenskonzept verfolgt.
Ich kann es immer noch nicht besonders gut
Ich möchte daraus keine Geschichte machen, in der ich irgendwann die große Kunst der Entspannung gemeistert habe.
Habe ich nicht.
Ich neige noch immer dazu, mir zu viel vorzunehmen.
Ich kann freie Zeit noch immer erstaunlich effizient mit irgendwelchem Kram zukleistern.
Und manchmal merke ich erst hinterher, dass aus Dingen, die eigentlich Spaß machen sollten, schon wieder ein Arbeitsprogramm geworden ist.
Aber inzwischen erkenne ich das wenigstens.
Und manchmal schaffe ich es sogar, einfach irgendwo zu sitzen.
Ohne Aufgabe.
Ohne schlechtes Gewissen.
Ohne überlegen zu müssen, was als Nächstes kommt.
Vielleicht brauche ich deshalb auch heute noch gelegentlich meinen Deich.
Nicht unbedingt den in Friedrichskoog.
Aber einen Ort oder einen Moment, an dem ich mir selbst erlaube, gerade einmal nichts leisten, erledigen oder erreichen zu müssen.
Damals musste ich lernen, ständig zu funktionieren.
Später musste ich lernen, dass ich es nicht mehr ständig muss.
Das Zweite war erstaunlicherweise fast genauso schwer.
Foto: canva PRO / Layout: Norbert Beck und canva Pro