An ihren Geburtstagen brennt noch immer ein Licht

An den Geburtstagen meiner Eltern stelle ich eine Laterne auf.

Früher war es nur die für meinen Vater.

Heute sind es zwei Geburtstage, zwei Erinnerungen und zweimal dieses kleine Licht, das für eine Weile im Garten steht.

Es ist kein großes Ritual.

Niemand sieht zu.

Es gibt keine Rede und keine besondere Zeremonie.

Ich stelle die Laterne hin.

Und für einen Moment sind sie wieder ein bisschen näher.

Mein Vater und das Versprechen

Mein Verhältnis zu meinem Vater war nicht immer einfach.

Er war ein Mann alter Schule. Handwerklich geschickt, praktisch veranlagt und ziemlich überzeugt davon, wie die Dinge zu laufen hatten.

Ich war in vieler Hinsicht anders.

Sein handwerkliches Geschick hatte ich nicht geerbt, und mein kaufmännischer Weg war nicht unbedingt das, was er sich unter einem richtigen Beruf vorgestellt hatte.

Trotzdem kam irgendwann der Moment, in dem solche Unterschiede ziemlich unwichtig wurden.

Am Nikolaustag wurde bei ihm im CT etwas entdeckt.

Krebs.

Später wurde aus dem Mann, den ich als stark erlebt hatte, ein schwer kranker Mensch, den ich im Bett umlagern musste, während er vor Schmerzen schrie.

Und dann sagte er zu mir:

„Pass auf mein Röschen auf.“

Damit meinte er meine Mutter.

Dieser Satz blieb.

Also passte ich auf mein Röschen auf

Ich habe dieses Versprechen ernst genommen.

Vielleicht manchmal ernster, als es mir selbst guttat.

Nach dem Tod meines Vaters kümmerte ich mich weiter um meine Mutter.

Aus einem Versprechen wurde Alltag.

Und aus Alltag wurden Jahre.

Man gewöhnt sich an erstaunlich viele Dinge, wenn sie Stück für Stück kommen.

Termine.

Organisation.

Sorgen.

Verantwortung.

Und irgendwann merkt man gar nicht mehr so genau, wie sehr das eigene Leben davon bestimmt wird.

Ich habe damals vor allem funktioniert.

Nicht weil ich besonders stark war.

Sondern weil etwas getan werden musste.

Das ist ein Unterschied.

Dann starb auch meine Mutter

Im Januar 2021 starb meine Mutter.

Sehr schnell.

Und mit ihrem Tod endete nicht nur ihr Leben.

Es endete auch eine Aufgabe, die sehr lange mein eigenes Leben mitbestimmt hatte.

Eigentlich hätte danach Raum für Abschied sein sollen.

Stattdessen kam noch etwas dazu, das mich bis heute beschäftigt.

Auf den Unterlagen, mit denen meine Mutter dem Bestatter übergeben wurde, war sie als infektiös gekennzeichnet.

Dadurch war eine Abschiednahme am offenen Sarg nicht möglich.

Dabei lag ein ärztlicher Bericht vor, nach dem sie kein Corona hatte.

Als sich das klärte, war es zu spät.

Dieser Abschied war weg.

Das lässt sich nicht nachholen.

Trauer hält sich nicht an einen Plan

Früher hätte ich wahrscheinlich versucht, irgendeine klare Erklärung dafür zu finden, wie man mit so etwas umgeht.

Heute weiß ich es nicht.

Ich weiß nur, wie ich damit umgegangen bin.

Manches habe ich verdrängt.

Manches kam später.

Manche Erinnerungen tun weh.

Andere sind inzwischen einfach da.

Ohne Drama.

Ohne dass ich jedes Mal zusammenbreche.

Trauer ist bei mir nichts, das irgendwann offiziell beendet wurde.

Sie hat sich verändert.

Das ist etwas anderes.

Manche Dinge brauchen einen Ort

Vielleicht sind deshalb Rituale für mich wichtig geworden.

Eine Locke, die ich der Nordsee übergeben habe.

Eine Laterne.

Ein bestimmter Tag im Jahr.

Kleine Dinge, die niemandem etwas beweisen müssen.

Sie machen einen Menschen nicht wieder lebendig.

Sie lösen nichts.

Aber sie geben einer Erinnerung einen Platz.

Bei meinem Vater war dieser Platz lange der alte Baumstumpf im Garten.

Dort stellte ich an seinem Geburtstag die Laterne auf.

Heute mache ich das auch für meine Mutter.

Nicht gemeinsam an irgendeinem allgemeinen Gedenktag.

Sondern jeweils an ihrem eigenen Geburtstag.

Das gefällt mir.

Denn sie waren schließlich auch zwei verschiedene Menschen.

Zwei Lichter für zwei Menschen

Wenn ich heute die Laterne hinausbringe, denke ich nicht automatisch nur an ihren Tod.

Ich denke an Dinge davor.

An Sätze.

An Eigenheiten.

An Situationen, die längst vergessen wären, wenn sie nicht plötzlich wieder im Kopf auftauchen würden.

Bei meinem Vater gehört dazu dieses:

„Pass auf mein Röschen auf.“

Bei meiner Mutter sind es andere Erinnerungen.

Manchmal gute.

Manchmal anstrengende.

Familie ist schließlich selten eine Sammlung ausschließlich schöner Geschichten.

Meine Eltern waren nicht perfekt.

Ich war es auch nicht.

Wir hatten unsere Konflikte und unsere schwierigen Zeiten.

Das gehört genauso dazu wie das, was ich vermisse.

Die Laterne steht trotzdem da

Ich glaube nicht, dass ich ein großes Denkmal brauche.

Die Laterne reicht.

Ein Licht am Geburtstag meines Vaters.

Ein Licht am Geburtstag meiner Mutter.

Es brennt eine Weile.

Dann geht es irgendwann aus.

Im nächsten Jahr stelle ich es wieder hin.

Nicht weil ich glaube, dass meine Eltern es sehen können.

Sondern weil ich es sehe.

Und weil ich an diesen Tagen nicht einfach zur Tagesordnung übergehen möchte.

Mehr Bedeutung muss ich dem gar nicht geben.

An ihren Geburtstagen brennt noch immer ein Licht.

Und solange mir dieses kleine Ritual wichtig ist, wird das auch so bleiben.

Hinweis: Dieser Beitrag erschien ursprünglich 2021 und wurde im August 2026 grundlegend überarbeitet. Er beschreibt meinen persönlichen Umgang mit dem Tod meiner Eltern und meine Erinnerung an die damaligen Ereignisse.


Foto: canva PRO/Layout: Norbert Beck und canva PRO

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