Zwei Kerzen in der Weihnachtsnacht

Weihnachten war bei uns immer mit kleinen Traditionen verbunden.

Mit meiner Mutter ging es am ersten Advent oft nach Bornhagen in den historischen Klausenhof. Dort wurde gegessen, anschließend noch durch die Weihnachtsausstellung in der Tenne geschaut. Am zweiten Advent stand häufig der Weihnachtsmarkt in Erfurt auf dem Plan, und irgendwann rund um den dritten oder vierten Advent zog es mich auf die Wartburg.

Dieses Jahr ist alles anders.

Meine Mutter ist Ende Januar gestorben. Mein Vater fehlt schon seit zwanzig Jahren. Zum ersten Mal ist Weihnachten da, ohne dass einer von beiden noch da ist.

Vielleicht fühlt sich deshalb auch die Wohnung anders an.

Der Weihnachtsschmuck ist weniger geworden. Eine kleine Krippe steht am Esstisch, etwas Dekoration auf der Anrichte, ein kleiner Weihnachtsbaum im Fenster. Kein großes Weihnachtsdorf mehr, keine aufwendige Inszenierung.

Alles etwas kleiner.

Festliche Stimmung stellt sich dadurch allerdings nicht automatisch ein.

Manche Traditionen bleiben

Was bleibt, sind ein paar vertraute Dinge.

Kartoffelsalat und schlesische Würstchen gehören für mich zu Heiligabend. Der Pelletofen brennt, ein paar Kerzen leuchten und der Tag wird ruhig.

Eigentlich hätte ich Weihnachten bei Verwandten verbringen können. Da ich leicht erkältet bin, habe ich die Einladung aber lieber abgesagt. In diesen Zeiten möchte ich niemandem etwas mitbringen, auf das er gut verzichten kann.

Also verbringe ich den Abend allein.

Ganz allein bin ich trotzdem nicht.

Dieses Jahr sind es zwei Kerzen

Seit rund zwanzig Jahren gehe ich an Heiligabend auf den Friedhof und stelle meinem Vater eine Kerze auf das anonyme Grabfeld.

Wir waren sehr verschieden. Wahrscheinlich unterschiedlicher, als Vater und Sohn manchmal sein sollten.

Trotzdem vermisse ich ihn bis heute.

In diesem Jahr nehme ich zum ersten Mal zwei Kerzen mit.

Meine Mutter liegt nicht auf demselben Grabfeld wie mein Vater, obwohl sie sich das gewünscht hatte. Deshalb führt mich mein Weg an diesem Abend zu zwei Stellen auf dem Friedhof.

Eine Kerze für meinen Vater.

Eine für meine Mutter.

Ich stelle sie auf und rede mit beiden.

Nicht lange und auch nicht besonders feierlich. Ich erzähle ein bisschen, wünsche ihnen frohe Weihnachten und stehe einfach einen Moment da.

Vielleicht klingt das für manchen merkwürdig.

Für mich nicht.

Ich stelle mir gern vor, dass meine Mutter nun wieder bei dem Mann ist, den sie so lange vermisst hat.

Ein stilles Weihnachten

Danach gehe ich wieder nach Hause.

Es gibt Essen, der Ofen brennt weiter und der Abend klingt ruhig aus. In den nächsten Tagen wird etwas gekocht, ein Bratapfel gehört ebenfalls dazu und auch sonst wird Weihnachten nicht vollständig ausfallen.

Es ist nur anders.

Leiser.

Kleiner.

Und vielleicht passt das in diesem Jahr sogar.

Das Wichtigste an diesem Weihnachten steht ohnehin nicht in meiner Wohnung.

Es sind die beiden Kerzen auf dem Friedhof.

Sie werden dort noch einige Tage brennen.

Für zwei Menschen, die zu meinem Leben gehörten und noch immer dazugehören, auch wenn ich Weihnachten nicht mehr mit ihnen verbringen kann.

Dieses Jahr sind es zwei Kerzen.

Foto: canva PRO / Layout: Norbert Beck

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