Warum ich auf Sylt ständig wieder aufs nächste Schiff gestiegen bin

Während meiner Zeit auf Sylt war ich viel unterwegs.

Ich bin durchs Watt gelaufen, war am Strand, habe Heidegebiete erkundet und auch bei einem Naturschutzprojekt mitgearbeitet.

Und ich bin erstaunlich oft auf Schiffe gestiegen.

Dreimal ging es zu den Seehundsbänken, einmal mit der Fähre nach Rømø und zurück und einmal mit dem Katamaran nach Helgoland.

Offenbar reicht mir eine Schifffahrt nicht.

Vielleicht liegt es daran, dass auf dem Wasser fast immer irgendetwas passiert.

Und manchmal beginnt die Geschichte schon, bevor das Schiff überhaupt abgelegt hat.

Der Hund, der nicht mitwollte

Meine erste Fahrt zu einer Seehundsbank startete in Hörnum.

Das Wetter war schön, die Adler VI lag abfahrbereit im Hafen und eigentlich hätte es ein ziemlich normaler Ausflug werden können.

Eigentlich.

Denn ein Hund hatte andere Pläne.

Genauer gesagt: Er hatte keinerlei Vertrauen in die Gangway.

Die anderen Passagiere waren längst an Bord. Der Hund nicht.

Man probierte einiges.

Die Gangway wurde verändert, Frauchen wartete bereits auf dem Schiff und schließlich legte ein Crewmitglied sogar eine Spur aus Würstchen aus.

Das war grundsätzlich eine Sprache, die der Hund verstand.

Er folgte der Spur.

Bis kurz vor die Gangway.

Dann war Schluss.

Würstchen hin oder her – auf dieses Ding ging er nicht.

Am Ende blieben Hund und Frauchen an Land.

Besonders beeindruckend war seine Abneigung gegen Wasser allerdings nicht. Als wir später am Strand vorbeifuhren, stand der gleiche Hund bis fast zur Schnauze in der Nordsee.

Offenbar lag das Problem nicht beim Meer.

Das Problem war die Gangway.

Ich konnte diese klare Haltung irgendwie respektieren.

Seehunde, Watt und eine Frage an mein jüngeres Ich

Auf der Fahrt waren auch freiwillige Helfer aus dem Naturschutz dabei.

Sie erzählten uns vom Wattenmeer, von den dort lebenden Tieren und von ihrer Arbeit.

Das fand ich nicht nur interessant.

Es brachte mich auch kurz zum Nachdenken.

Nach meinem Abitur hatte ich selbst eine längere Phase, in der mein weiterer Weg nicht wirklich feststand. Wenn ich damals gewusst hätte, dass es Möglichkeiten gibt, für längere Zeit bei einer Naturschutzstation im Wattenmeer mitzuarbeiten, hätte ich vielleicht darüber nachgedacht.

Vielleicht hätte ich mich trotzdem anders entschieden.

Das weiß ich nicht.

Aber manchmal begegnet einem Jahrzehnte später etwas und man denkt:

Das hätte damals auch eine Richtung sein können.

Dann war die Überlegung auch schon wieder vorbei.

Schließlich waren wir auf einem Schiff.

Und da wartete bereits die nächste Geschichte.

Schönwetter kann jeder

Die erste Tour fand bei schönem Wetter statt.

Am nächsten Tag sah die Sache anders aus.

Sturm.

Regen.

Schlechte Sicht.

Also ideales Wetter für eine weitere Kutterfahrt.

Am Schiff begrüßte uns Stefan mit dem Hinweis, dass vorne in der Kajüte noch Ponchos lägen.

Wir müssten schließlich nicht nass werden.

Diese Ponchos bestanden aus dünnem Plastik und entwickelten bei entsprechendem Wind ein erstaunliches Eigenleben.

Seit dieser Fahrt verbinde ich Meeresrauschen nicht mehr ausschließlich mit Wasser.

Währenddessen wurde an Bord gezeigt, was im Watt lebt. Mit einem kleinen Netz wurden Tiere heraufgeholt und erklärt. Wenn Austern dabei waren, durften interessierte Gäste auch probieren.

Und natürlich sahen wir auch die Seehunde.

Trotz des Wetters war es eine richtig gute Tour.

Vielleicht sogar gerade deswegen.

„Schon wieder du?“

Einige Zeit später stand ich wieder vor demselben Kutter.

Und Stefan offenbar auch.

Seine Begrüßung:

„Schon wieder du?“

Meine Antwort war ungefähr:

„Ich wollte nur sehen, ob ihr das auch ohne Regen hinbekommt.“

Konnten sie.

Solche Kleinigkeiten bleiben mir von Reisen oft stärker im Gedächtnis als irgendeine Sehenswürdigkeit.

Man war vorher ein anonymer Gast.

Beim nächsten Mal wird man wiedererkannt.

Und schon fühlt sich ein Ort ein kleines bisschen weniger fremd an.

Andere nehmen eine Trinkflasche mit

Auf meinen Touren habe ich meistens einen Rucksack dabei.

Darin befindet sich nicht nur das übliche Zeug, sondern auch Foto- und Videoausrüstung.

Kamera.

Mikrofone.

Stativ.

Gimbal.

Was man eben so braucht, falls während eines harmlosen Schiffsausflugs spontan eine kleine Fernsehproduktion ausbricht.

Auf einer anderen Fahrt funktionierte die Lautsprecheranlage an Bord nicht richtig.

Das war für die Crew etwas ungünstig, weil Erklärungen auf einem Schiff nur begrenzt hilfreich sind, wenn die Gäste sie nicht hören können.

Also griff ich in meinen Rucksack.

Empfänger mit Klinkenanschluss.

Handmikrofon.

Problem möglicherweise gelöst.

Ich bot der Crew das Set an.

Sinngemäß mit dem Hinweis:

Wenn eure Anlage einen Klinkenanschluss hat, könnt ihr das benutzen. Die Reichweite reicht weiter als euer Schiff lang ist.

Ich hätte es anschließend allerdings gerne zurück.

Der Blick war sehenswert.

Offenbar ist es nicht ganz alltäglich, dass ein Fahrgast Ersatz-Funktechnik aus dem Rucksack zieht.

Mehr Seegang? Gerne.

Spätestens nach den Kutterfahrten wusste ich außerdem etwas über mich:

Seekrank werde ich offenbar nicht besonders schnell.

Im Gegenteil.

Je mehr sich das Schiff bewegt, desto interessanter finde ich die Fahrt.

Das sollte sich bei meinem Ausflug nach Helgoland noch einmal bestätigen.

Für den Tag waren deutlichere Wellen angekündigt.

Ich hatte vorher im Internet genug Berichte gelesen, um zu wissen, dass solche Fahrten für manche Menschen weniger unter „Ausflug“ und mehr unter „Magen-Darm-Erlebnis auf hoher See“ fallen.

Ich war trotzdem neugierig.

Mit dem Katamaran nach Helgoland

Die Überfahrt war tatsächlich ordentlich bewegt.

Einige Passagiere hatten damit sichtbar mehr Schwierigkeiten als ich.

Mir machte der Seegang Spaß.

Vielleicht liegt mir das einfach.

Vielleicht hatte ich Glück.

Jedenfalls kam mein Frühstück dort an, wo es hingehörte.

Helgoland selbst gefiel mir sehr gut.

Ich konnte nicht alles machen, was ich ursprünglich geplant hatte, aber inzwischen sehe ich genau das bei Ausflügen deutlich entspannter.

Wenn nicht alles klappt, gibt es eben einen Grund wiederzukommen.

Die Rückfahrt war anschließend wesentlich ruhiger.

Fast schon schade.

Warum ich immer wieder aufs Wasser wollte

Wenn ich heute an diesen Sylt-Aufenthalt zurückdenke, sind die Schiffsfahrten ein ziemlich großer Teil davon.

Nicht nur wegen der Seehunde.

Nicht nur wegen Helgoland.

Und auch nicht, weil ich plötzlich meine Berufung als Seemann entdeckt hätte.

Es sind die kleinen Geschichten.

Ein Hund, der eine Würstchenspur akzeptiert, aber keine Gangway.

Ein Plastikponcho, der im Sturm versucht, ein Eigenleben zu beginnen.

Ein Mann auf einem Kutter, der mich beim zweiten Besuch schon wiedererkennt.

Eine kaputte Lautsprecheranlage, bei der ausgerechnet ein Fahrgast Ersatztechnik im Rucksack hat.

Und eine Schifffahrt, bei der ordentlich Seegang für mich eher Teil der Unterhaltung als ein Problem war.

Vielleicht mag ich Schiffe genau deshalb.

Man steigt an einem Ort ein.

Man kommt irgendwann an einem anderen wieder heraus.

Und dazwischen passiert fast immer irgendetwas, das vorher auf keinem Reiseplan stand.

Das ist eigentlich eine ziemlich gute Art unterwegs zu sein.


Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt persönliche Erlebnisse während meines Sylt-Aufenthalts 2023 und wurde im August 2026 redaktionell überarbeitet. Die beschriebenen Schiffsfahrten, Begegnungen und Beobachtungen beruhen auf meinen damaligen Erlebnissen.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: Norbert Beck

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