Wirsing ist mein Pommes

Eigentlich sollte es an diesem Tag Krautshäubchen geben. Eigentlich. Mir ging es aber nicht besonders gut und damit sank meine Bereitschaft, längere Zeit in der Küche herumzustehen, ungefähr auf Raumtemperatur. Das Problem war nur: Der Wirsing war da, das Hackfleisch auch und Appetit auf Krautshäubchen hatte ich trotzdem.

Wirsing begleitet mich schon ziemlich lange. In meiner Kindheit gab es bei meinen Eltern immer wieder Krautshäubchen – eine Hackmasse mit Kohl, die in einer Form geschichtet und gegart wird. Dazu Salzkartoffeln und Soße, bei uns je nachdem eine weiße Soße oder Senfsoße. Ich mochte das Zeug nicht nur, Krautshäubchen gehörten sogar zu den ersten Gerichten, die ich selbst kochen gelernt habe. Andere Menschen beginnen vielleicht mit Rührei. Ich offensichtlich nicht.

Besonders gut fand ich Krautshäubchen übrigens am zweiten Tag. Meine Mutter briet die Reste zusammen mit den übrig gebliebenen Kartoffeln noch einmal ordentlich von beiden Seiten an. Damit war das Essen eigentlich fast besser als am ersten Tag. Jedenfalls hat sich genau dieser Geschmack ziemlich hartnäckig in meinem Kopf festgesetzt.

Das alte Rezept meiner Oma habe ich irgendwann verändert. Statt der ursprünglichen Mischung aus Schweine- und Rinderhack nehme ich heute Geflügelhack und gleiche beim Geschmack mit Kräutern und Gewürzen aus. Das ist inzwischen meine Variante des Gerichts. Familienrezepte dürfen das bei mir: Sie müssen nicht für alle Ewigkeit unter Denkmalschutz stehen.

An diesem Tag musste allerdings noch eine weitere Abkürzung her. Also wurde aus dem geplanten Krautshäubchen eine Art Wirsing-Frikadelle. Den Kohl habe ich grob zerkleinert und anschließend zusammen mit Hackfleisch, Zwiebeln, Ei, Pankomehl und Gewürzen in der Küchenmaschine zu einer Masse verarbeitet. Daraus wurden Bällchen beziehungsweise Frikadellen, die zunächst im Luftbackofen angeröstet und anschließend in der Pfanne fertig gebraten wurden.

Dazu gab es Salzkartoffeln und Senfsoße. Damit war vom ursprünglichen Krautshäubchen eigentlich nicht mehr viel übrig – und gleichzeitig erstaunlich viel. Wirsing, Hack, Kartoffeln, Senfsoße und vor allem dieser angebratene Geschmack waren noch da. Nur der Aufwand war an diesem Tag deutlich kleiner.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich solche alten Gerichte mag. Ich muss sie nicht genauso kochen wie meine Eltern oder meine Oma. Die Erinnerung verschwindet nicht, nur weil ich ein Rezept verändere. Manchmal reicht es schon, wenn beim ersten Bissen dieses vertraute „Ja, genau das“ wieder da ist.

Und Wirsing ist sowieso eines dieser Gemüse, das bei mir ziemlich leicht einen Platz auf dem Teller findet: als Suppe, in einer Pfanne mit Möhren und Zwiebeln, als klassisches Krautshäubchen oder eben in dieser ziemlich spontanen Frikadellenversion. Kohl liefert unter anderem Ballaststoffe sowie verschiedene Vitamine, Mineralstoffe und die für Kohl typischen sekundären Pflanzenstoffe. Daraus muss ich aber kein Wundermittel machen. Ich esse Wirsing vor allem aus einem wesentlich einfacheren Grund.

Ich mag ihn.

Oder anders gesagt: Wirsing ist mein Pommes.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: Norbert Beck

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