Der Wetterbericht hatte eigentlich Regen angekündigt.
Ausgerechnet für den Feiertag, an dem ich etwas vorhatte.
Dann änderte sich die Vorhersage plötzlich: Sonne, ein paar Wolken, alles halb so wild.
Perfekt.
Ich wollte nach Nordhausen und von dort mit einer historischen Bahn fahren. Alte Züge, Dampflok, vielleicht sogar Richtung Brocken – jedenfalls etwas, das ordentlich zischt, qualmt und deutlich interessanter aussieht als der durchschnittliche Regionalexpress.
Also stand ich früh auf.
Sogar die Gelenke spielten mit.
Der Tag konnte beginnen.
60 Prozent Akku und reichlich Zeit
Mein Auto sah die Sache etwas nüchterner.
60 Prozent Akku.
Das würde für die komplette Strecke nicht reichen, aber Nordhausen bot sich ohnehin für einen Ladestopp an.
Kein Problem.
Außerdem hatte ich mehr als eine halbe Stunde Zeitpuffer eingeplant.
Was sollte schon passieren?
Eine Frage, die man besser nicht stellt, wenn man unterwegs ist.
Mein Navi begann im Eichsfeld damit, mich durch Baustellen und Umwege zu schicken. Irgendwann standen Autos am Straßenrand und Menschen liefen über die Fahrbahn.
Offenbar war dort eine größere Männergruppe unterwegs.
Mitten auf meiner Route.
Natürlich.
Mein komfortabler Zeitpuffer begann sich jedenfalls ziemlich zuverlässig aufzulösen.
Mein Navi hatte ebenfalls eigene Pläne
Zusätzlich wunderte ich mich darüber, warum mich die Navigation immer wieder auf Straßen schicken wollte, die ich eigentlich vermeiden wollte.
Später fand ich heraus, dass mein spezielles Fahrprofil offenbar andere Einstellungen verwendete als die, die ich vorher festgelegt hatte.
Sehr praktisch.
Besonders bei einer App, für deren erweiterte Nutzung ich sogar monatlich bezahlte.
Irgendwann ignorierte ich das Navi weitgehend und hielt mich wieder an eine erstaunliche technische Neuerung:
Straßenschilder.
Die funktionierten.
Und tatsächlich erreichte ich Nordhausen.
Knapp.
Aber rechtzeitig.
Da stand sie
Am Bahnhof angekommen, sah ich sie.
Eine Dampflok.
Fauchend, qualmend und ziemlich genau das, weswegen ich überhaupt losgefahren war.
Der Zug war auch nicht so voll, wie ich nach einigen Berichten im Internet befürchtet hatte.
Also eigentlich alles gut.
Ich musste nur noch ein Ticket kaufen.
Und genau dort änderte sich meine Stimmung.
Vor dem Verkaufsbereich standen drei Mitarbeiter und unterhielten sich über Fahrgäste.
Ich stand direkt daneben und bekam einiges davon mit.
Es ging darum, warum Menschen nicht früher kämen, warum jemand erst kurz vor Abfahrt noch eine Fahrkarte kaufen wolle und um Bemerkungen über einzelne Reisende.
Natürlich wird überall einmal über Kunden geschimpft.
Ich kenne das selbst aus dem Berufsleben.
Nur gibt es einen ziemlich wichtigen Unterschied zwischen einer genervten Bemerkung im Hinterzimmer und einem Gespräch, das die eigenen Kunden direkt mithören können.
Ich stand dort mit meiner Geldbörse in der Hand.
Und irgendwann hatte ich einfach keine Lust mehr.
Dann fahre ich eben nicht mit
Wahrscheinlich hätte ich die Fahrt noch geschafft.
Ich hätte online ein Ticket kaufen oder am Schalter fragen können.
Aber ich wollte nicht mehr.
Also stand ich vor der Dampflok, wegen der ich morgens losgefahren war – und kaufte keine Fahrkarte.
Das war natürlich nicht der Plan.
Normalerweise könnte man an dieser Stelle versuchen, daraus irgendeine große Erkenntnis über Service, Respekt und den Niedergang des Abendlandes zu bauen.
Muss man aber nicht.
Manchmal verdirbt einem eine Situation einfach die Lust.
An diesem Tag war es so.
Also ging ich frühstücken.
Wenn der Plan weg ist, bleibt immer noch der Tag
Damit war mein eigentlicher Ausflug ziemlich früh beendet.
Ich hätte natürlich sofort wieder ins Auto steigen und nach Hause fahren können.
Stattdessen lief ich noch durch Nordhausen.
Teilweise freiwillig.
Teilweise, weil ich irgendwann eine öffentliche Toilette suchte.
Die erste, zu der mich mein Handy führte, war außer Betrieb.
Die nächste lag deutlich weiter entfernt.
Wenn man dringend eine Toilette sucht, entwickeln 1,5 Kilometer übrigens eine bemerkenswerte Länge.
Die zweite Toilette war immerhin geöffnet.
Dort stellte sich anschließend heraus, dass das Licht offenbar über einen Bewegungsmelder außerhalb der Kabine gesteuert wurde.
Kaum saß ich drin, wurde es dunkel.
Auch eine Erfahrung.
Ich hatte für diesen Tag eigentlich Dampflok und vielleicht Brocken vorgesehen.
Bekommen hatte ich Baustellen, Umwege, eine Männergruppe auf der Straße, eine nicht angetretene Zugfahrt und eine Toilette mit Überraschungsbeleuchtung.
Reisen bildet.
Offenbar nur nicht immer in den Bereichen, die man vorher geplant hatte.
14.000 Schritte ohne Dampflok
Nachdem mein Auto wieder genügend Strom hatte, machte ich mich irgendwann auf den Heimweg.
Diesmal gelang es mir auch, mein Navi davon zu überzeugen, tatsächlich die Straßen zu benutzen, die ich wollte.
Zuhause schaute ich auf meinen Schrittzähler.
Knapp 14.000 Schritte.
Das war eigentlich gar nicht schlecht.
Ich war morgens losgefahren, um mit einer Dampflok zu fahren.
Ich bin keinen Meter damit gefahren.
Trotzdem war ich den ganzen Tag unterwegs und hatte am Ende mehr zu erzählen, als wenn einfach alles nach Plan funktioniert hätte.
Die Dampflok ist mir deshalb nicht entgangen.
Sie ist nur verschoben.
Und vielleicht klappt es beim nächsten Versuch sogar mit dem Einsteigen.
Hinweis: Dieser Beitrag beschreibt meinen Ausflug nach Nordhausen im Mai 2024 und wurde im August 2026 redaktionell überarbeitet. Die geschilderten Begegnungen und Eindrücke beruhen auf meinen damaligen persönlichen Erlebnissen.
Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: Norbert Beck