Irgendwann hatte ich keine Lust mehr.
Nicht auf Menschen. Auch nicht auf Nachrichten oder darauf, mit anderen in Kontakt zu bleiben. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf diese merkwürdige Selbstverständlichkeit, die sich bei WhatsApp eingeschlichen hatte: Nachricht geschickt, fünf Minuten vergangen – warum hast du noch nicht geantwortet?
Als würde mit der Installation eines Messengers automatisch ein Vertrag über permanente Erreichbarkeit abgeschlossen.
Besonders schön fand ich Gespräche dieser Art:
„Kannst du mal …?“
„Ich bin zurzeit krank.“
„Oh, das ist schlecht. Aber kannst du mal?“
Da weiß man wenigstens sofort, wie ernst das mitfühlende „Oh“ gemeint war.
Natürlich ist daran nicht WhatsApp allein schuld. Eine App zwingt niemanden, sofort zu antworten, zehn Bilder am Tag weiterzuleiten oder denselben Witz zum fünften Mal durch drei verschiedene Gruppen zu tragen. Trotzdem hatte sich bei mir genau diese Art der Kommunikation entwickelt.
Und irgendwann nervte sie mich.
Also habe ich WhatsApp gelöscht
Anfang Mai 2024 flog die App vom Handy.
Keine große Ankündigung, kein Abschiedspost und keine feierliche Zeremonie. Löschen, fertig.
Danach passierte etwas Überraschendes: eigentlich fast nichts.
Das Handy blieb erstaunlich ruhig. Niemand stand verzweifelt vor meiner Haustür und fragte, wie man mich ohne WhatsApp überhaupt noch erreichen könne. In den ersten Wochen suchte genau eine Person einen anderen Kontaktweg.
Damals interpretierte ich das ziemlich hart: Wenn der Rest sich nicht meldet, kann es wohl nicht so wichtig gewesen sein.
Heute würde ich das etwas weniger endgültig sehen. Menschen gewöhnen sich eben an Kommunikationswege. Wenn einer davon plötzlich wegfällt, heißt fehlender Kontakt nicht automatisch, dass der Mensch dahinter unwichtig geworden ist.
Trotzdem zeigte mir die Sache etwas.
Ein beträchtlicher Teil dessen, was vorher ständig Aufmerksamkeit verlangt hatte, fehlte mir überhaupt nicht.
Das Problem war nicht der Messenger
Ich bin inzwischen auch nicht zum digitalen Einsiedler geworden.
Heute nutze ich selbst Matrix mit Element. Nachrichten bekomme ich also weiterhin, und selbstverständlich kann man mich auch per Mail oder Telefon erreichen.
Der Unterschied liegt für mich weniger darin, dass der eine Messenger gut und der andere böse wäre. Entscheidend ist, welche Rolle ich einem solchen Werkzeug in meinem Alltag gebe.
Matrix ist ein offenes, dezentrales Kommunikationsnetzwerk, und Element ist einer der darauf aufbauenden Messenger. Das gefällt mir technisch durchaus. Aber auch Element könnte mir auf die Nerven gehen, wenn ich daraus wieder eine Maschine für permanente Erreichbarkeit machen würde.
Das eigentliche Problem saß also nicht nur in der App.
Es saß auch in meinen Gewohnheiten.
Eine Nachricht ist keine Vorladung
Nur weil jemand mir jetzt schreiben kann, heißt das nicht, dass ich sofort antworten muss.
Eigentlich ist das selbstverständlich. Trotzdem fühlt sich digitale Kommunikation manchmal anders an. Eine Nachricht wird zugestellt, eventuell als gelesen markiert und plötzlich läuft irgendwo unsichtbar eine Uhr.
Wann antwortet er?
Warum antwortet er nicht?
Hat er die Nachricht nicht gesehen?
Doch. Vielleicht hat er sie gesehen.
Vielleicht macht er aber gerade etwas anderes.
Genau diese Freiheit möchte ich mir erhalten.
Wenn etwas wirklich dringend ist, gibt es weiterhin Möglichkeiten, mich zu erreichen. Und wenn es nicht dringend ist, darf eine Nachricht auch einmal liegen bleiben. Das ist keine Missachtung des Absenders. Das ist schlicht ein Leben außerhalb des Displays.
Vermisst habe ich WhatsApp nicht
Als ich WhatsApp 2024 gelöscht hatte, dachte ich zunächst gar nicht darüber nach, ob daraus eine dauerhafte Entscheidung wird. Ich wollte vor allem Ruhe.
Die bekam ich.
Und irgendwann stellte ich fest, dass ich die App nicht zurückhaben wollte.
Nicht weil über WhatsApp ausschließlich Unsinn verschickt wird. Natürlich nicht. Für viele Menschen funktioniert der Messenger hervorragend und ist der wichtigste Kontakt zu Familie, Freunden oder Gruppen.
Bei mir hatte sich die Nutzung nur in eine Richtung entwickelt, die mir nicht mehr gefiel.
Also habe ich sie beendet.
Heute kommuniziere ich weiterhin digital. Nur eben anders. Matrix und Element passen derzeit besser zu dem, was ich möchte. Mail funktioniert weiterhin, Telefon wurde erstaunlicherweise auch noch nicht abgeschaltet und sogar persönliche Gespräche sollen vereinzelt noch vorkommen.
Ich habe also nicht aufgehört, erreichbar zu sein.
Ich habe nur aufgehört, Erreichbarkeit mit sofortiger Verfügbarkeit zu verwechseln.
Und mein Handy scheint mit dieser Regel ebenfalls ganz gut klarzukommen.
Quellen
Matrix beschreibt sich als offenes Netzwerk für sichere, dezentrale Kommunikation. Element ist ein auf Matrix basierender Open-Source-Messenger.
Beitragsbild: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: Norbert Beck
Logo: WhatsApp Inc.