Pokémon Go und ich haben inzwischen eine ziemlich lange Beziehung. Seit den Anfangstagen begleitet mich das Spiel, hat mich viele Kilometer laufen lassen, an Orte gebracht, an denen ich sonst vielleicht nicht vorbeigekommen wäre, und dafür gesorgt, dass ich Menschen getroffen habe, die ich ohne ein paar virtuelle Monster vermutlich nie kennengelernt hätte.
Dafür bin ich dem Spiel bis heute dankbar.
Umso merkwürdiger war es, als ich beim großen Jubiläum feststellte: Ich mache einfach nicht mit.
Nicht aus Protest. Ich hatte Pokémon Go auch nicht gelöscht, mein Handy demonstrativ in eine Schublade gelegt oder feierlich das Ende meiner Trainerkarriere verkündet. Ich hatte schlicht keine Lust darauf.
Und das war neu.
Früher war ein Event ein Termin
Lange Zeit funktionierte Pokémon Go bei mir ziemlich zuverlässig. Wenn ein interessantes Event angekündigt wurde, wusste ich, was ich an diesem Tag machen würde. Schuhe an, Handy einpacken und raus.
Community Days, Raids, besondere Pokémon, Shinys oder irgendeine neue Variante – irgendeinen Grund gab es eigentlich immer. Und das war nicht einmal schlecht. Das Spiel hatte etwas geschafft, woran viele gute Vorsätze regelmäßig scheitern: Es brachte mich in Bewegung, ohne dass ich vorher darüber nachdenken musste, wie viele Schritte ich noch brauchte.
Ich ging nicht spazieren, weil Bewegung gesund sein soll.
Ich ging los, weil da draußen irgendetwas zu fangen war.
Das funktionierte jahrelang erstaunlich gut.
Mit der Zeit wurde aus dem gelegentlichen besonderen Event allerdings ein ziemlich voller Kalender. Immer neue Pokémon-Varianten, besondere Attacken, Raids, Hintergründe und Mechaniken. Ständig gibt es irgendeinen Grund, warum man ausgerechnet jetzt spielen sollte.
Wenn man alles mitnehmen möchte, kann Pokémon Go inzwischen fast zum Nebenjob werden.
Nur leider ohne Gehaltsabrechnung.
Irgendwann war nicht mehr alles besonders
Vielleicht liegt es daran, dass ich schon so lange dabei bin. Das zwanzigste Wiedersehen mit einem Pokémon löst nun einmal nicht mehr dieselbe Begeisterung aus wie das erste.
Auch ein Shiny ist irgendwann weniger aufregend, wenn die eigentliche Überraschung nur noch darin besteht, welche Farbe diesmal anders ist. Und bei manchen Events ertappe ich mich inzwischen bei der Frage, warum ich eigentlich losziehen soll.
Weil ich Lust darauf habe?
Oder weil das Spiel mir gerade erklärt, dass ich dieses Pokémon nur zwischen 14 und 17 Uhr mit einer besonderen Attacke bekommen kann?
Das ist ein Unterschied.
Bei einem Event kurz vor dem Jubiläum hatte ich bereits gemerkt, dass sich meine Prioritäten verändert hatten. Statt Pokémon Go stand eine Feier mit alten Freunden auf dem Programm.
Früher hätte ich wahrscheinlich noch versucht, beides irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Ein paar Pokémon zwischendurch, vielleicht noch schnell ein Raid auf dem Weg und bloß nichts verpassen.
Diesmal war mir die Feier wichtiger.
Und erstaunlicherweise drehte sich die Erde weiter.
Dabei wollte ich sogar wieder mehr Community
Dass mir Pokémon Go völlig egal geworden wäre, kann ich trotzdem nicht behaupten.
Noch Ostern 2025 hatte ich mich als Community Ambassador beworben. Meine Idee dahinter war ziemlich einfach: Vielleicht lässt sich hier vor Ort wieder etwas mehr gemeinsames Spielen aufbauen.
Denn genau das gehörte für mich lange zu den besten Seiten von Pokémon Go.
Nicht das hundertste Monster in der Sammlung, sondern die Menschen dahinter. Zusammen losgehen, auf einen Raid warten, irgendeinen Unsinn erzählen und nebenbei feststellen, dass man wieder ein paar Kilometer gelaufen ist.
Auf meine Bewerbung kam zunächst die automatische Eingangsbestätigung. Danach passierte lange nichts.
Auch das passt irgendwie zu meiner derzeitigen Beziehung zum Spiel. Ich wollte selbst noch einmal etwas anschieben – und während ich auf eine Reaktion wartete, merkte ich langsam, dass meine eigene Begeisterung nicht mehr automatisch bei jedem Event anspringt.
Das bedeutet aber nicht, dass sie verschwunden ist.
Ich höre nicht auf
Genau das ist mir wichtig.
Das hier soll kein Abschiedsbrief an Pokémon Go werden.
Ich werde das Spiel weiter öffnen. Ich werde weiter Pokémon fangen und vermutlich auch wieder für ein Event losziehen, wenn mich etwas daran wirklich interessiert. Vielleicht entdecke ich dadurch sogar wieder einen Ort, an dem ich bisher hundertmal vorbeigefahren bin.
Das würde ziemlich gut passen.
Was sich geändert hat, ist etwas anderes: Ich muss nicht mehr alles mitmachen.
Nur weil irgendwo ein Countdown läuft, muss daraus noch lange kein Termin in meinem Kalender werden. Nur weil ein Pokémon drei Stunden lang irgendeine besondere Attacke lernen kann, muss ich nicht meine Tagesplanung darum herum bauen.
Und wenn ich an einem Community Day lieber etwas völlig anderes mache, dann fehlt mir anschließend eben ein digitales Monster mit einer Attacke, deren Namen ich drei Wochen später ohnehin wieder vergessen habe.
Damit kann ich inzwischen erstaunlich gut leben.
Das Spiel darf mich weiterhin vor die Tür bringen
Vielleicht ist genau das die Veränderung.
Pokémon Go hat mich jahrelang vor die Tür gebracht. Es hat Bewegung interessant gemacht, weil das Ziel nicht die Bewegung selbst war. Da war immer noch etwas zu entdecken, zu fangen oder gemeinsam zu erleben.
Diese Seite des Spiels mag ich immer noch.
Ich möchte nur wieder stärker selbst entscheiden, wann sie für mich funktioniert.
Wenn ein Event interessant klingt, bin ich dabei. Wenn Freunde spielen gehen und ich Lust darauf habe, ebenfalls. Wenn Pokémon Go mich neugierig auf irgendeinen Ort macht, umso besser.
Aber ich werde nicht mehr losziehen, nur weil das Spiel gerade mit dem Finger schnippt.
Vielleicht spiele ich dadurch weniger.
Vielleicht macht es mir dadurch sogar wieder mehr Spaß.
Pokémon Go hat mich jahrelang vor die Tür gebracht.
Das darf es gerne weiterhin tun.
Nur entscheide inzwischen wieder ich, wann die Tür aufgeht.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro