Internet, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2026, Star Trek wird 60 Jahre alt – und in den Kommentarspalten wird noch immer darüber gestritten, ob das Franchise inzwischen vielleicht ein bisschen zu „woke“ geworden ist.
Besonders die neueren Serien bekommen das regelmäßig ab. Discovery war manchen zu emotional, zu divers oder einfach zu anders. Starfleet Academy setzt die Diskussion munter fort. Natürlich kann man diese Serien schlecht finden. Ich habe ebenfalls Dinge bei Star Trek gesehen, bei denen ich mich gefragt habe, ob der Warpkern vielleicht auch das Drehbuch verschluckt hat.
Nur ein Argument finde ich dabei merkwürdig: Gesellschaftliche Vielfalt und politische Themen seien etwas Neues bei Star Trek.
Ausgerechnet bei Star Trek.
Spock, Spuck und der „Mischlingsrüde“
Schon die ursprüngliche Enterprise-Crew der 1960er-Jahre war für ihre Zeit ziemlich ungewöhnlich zusammengesetzt. Mit Pavel Chekov saß während des Kalten Krieges ein Russe auf der Brücke, Hikaru Sulu war ein japanischstämmiger Amerikaner und Spock halb Mensch, halb Vulkanier. Gerade Spocks Herkunft wurde immer wieder benutzt, um Geschichten über Zugehörigkeit, Vorurteile und das Leben zwischen verschiedenen Welten zu erzählen.
Oder, um kurz das Franchise zu wechseln: der „Mischlingsrüde“.
Bevor jetzt jemand die Star-Trek-Enzyklopädie aus dem Regal reißt: Nein, das sagt niemand in Star Trek über Spock. Die Anspielung stammt aus „(T)Raumschiff Surprise – Periode 1“, wo Spocks Gegenstück Spuck mit seiner nicht ganz „reinrassigen“ Vulkanetten-Herkunft aufgezogen wird.
Bei Spock war der Konflikt natürlich wesentlich weniger albern. Gerade dieses Leben zwischen menschlicher und vulkanischer Herkunft gehört aber seit Beginn zur Figur. Leonard Nimoy selbst beschrieb genau diese gemischte Herkunft als etwas, das Spock seine besondere innere Spannung gab.
Das „Andere“ war also nicht irgendwann nachträglich auf die Enterprise gebeamt worden. Es saß von Anfang an auf der Brücke.
Star Trek hat gesellschaftliche Fragen nie gemieden
Auch später wurde das nicht weniger.
Deep Space Nine erzählte mit den Trill von Identität über mehrere Leben hinweg. In „Rejoined“ trifft Jadzia Dax eine frühere Partnerin wieder. Die Episode führte 1995 zum ersten gleichgeschlechtlichen Kuss innerhalb von Star Trek und gehört bis heute zu den bekannten Beispielen dafür, wie das Franchise gesellschaftliche Themen in Science-Fiction-Geschichten verpackt hat.
Das bedeutet nicht, dass jede moderne Entscheidung automatisch gut geschrieben ist. Vielfalt ersetzt kein gutes Drehbuch. Eine Figur wird nicht interessant, nur weil sie irgendeine gesellschaftliche Gruppe repräsentiert, und eine schlechte Folge wird durch die richtige Haltung nicht plötzlich großartig.
Genau da würde ich inzwischen stärker unterscheiden.
Man kann Discovery nicht mögen. Man kann mit dem 32. Jahrhundert nichts anfangen. Man kann Starfleet Academy anschauen und anschließend beschließen, dass man lieber noch einmal Deep Space Nine startet.
Alles legitim.
Nur die Behauptung, Star Trek habe früher einfach Raumschiffe, Phaser und fremde Planeten gezeigt und erst neuerdings gesellschaftliche Themen entdeckt, passt für mich nicht zur Geschichte des Franchise. Schon die alten Serien erzählten von Rassismus, Krieg, Vorurteilen, Religion, Identität und der Frage, wie sehr Menschen beziehungsweise Spezies trotz ihrer Unterschiede miteinander auskommen können. Selbst StarTrek.com beschreibt diese gesellschaftliche Auseinandersetzung als Bestandteil des Franchise seit den Anfangstagen.
Neu heißt trotzdem nicht automatisch besser
Wo ich manchen Kritikern sogar entgegenkomme: Nicht jede Veränderung gefällt mir.
Auch ich hätte beispielsweise gern mehr von Seven of Nine auf der Enterprise-G gesehen. Und gegen weitere Geschichten mit Data hätte ich mich ganz sicher nicht gewehrt. Man hängt schließlich an Figuren, mit denen man viele Jahre verbracht hat.
Strange New Worlds zeigt für mich außerdem ziemlich gut, dass man sich an klassischem Star Trek orientieren und trotzdem eine moderne Serie machen kann.
Aber ich möchte auch nicht zum zehnten Mal exakt dieselbe Serie mit anderen Schauspielern sehen. Wenn Star Trek wirklich über eine Zukunft erzählen will, muss sich auch Star Trek selbst gelegentlich bewegen.
Das darf schiefgehen.
Dann liegt es am Drehbuch, an einer Figur, einer Geschichte oder vielleicht daran, dass eine neue Serie schlicht nicht mein Star Trek ist.
Damit kann ich leben.
Warum ich trotzdem immer wieder einschalte
Vielleicht sehe ich das Ganze auch deshalb etwas entspannter, weil Star Trek für mich nie nur Raumschiffe war.
Natürlich mag ich die Enterprise. Ich mag Warpantrieb, Phaser, Borg, Klingonen und den ganzen wunderbaren Technikunsinn, über den man mit vollkommen ernstem Gesicht diskutieren kann, obwohl nichts davon existiert.
Aber Star Trek hat mir immer auch eine Zukunft gezeigt, in der die Menschheit wenigstens einige ihrer heutigen Probleme irgendwann hinter sich gelassen hat.
Keine perfekte Zukunft. Gerade die guten Folgen zeigen schließlich regelmäßig, dass auch im 23. oder 24. Jahrhundert noch genügend Dinge schiefgehen.
Aber meistens steckt dahinter die Vorstellung, dass Menschen dazulernen können.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich weiterhin einschalte. Star Trek nimmt mich für eine Weile aus einer Gegenwart heraus, die mir oft klein, laut und ziemlich festgefahren vorkommt, und setzt mich in eine Zukunft, die wenigstens versucht, etwas besser zu machen.
Darüber können neue und alte Fans gerne streiten.
Ob Discovery, Starfleet Academy oder irgendeine kommende Serie gutes Star Trek ist, entscheidet für mich am Ende ohnehin nicht die Anzahl verschiedener Hautfarben, Spezies, Geschlechter oder Beziehungen.
Entscheidend ist, ob eine gute Geschichte dabei herauskommt.
Und wenn sie mir nicht gefällt, mache ich etwas geradezu Revolutionäres:
Ich schaue eine andere Folge.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit ChatGPT bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro