Rabimmel, Rabammel, Rabumm

Der 11. November hat für manche Menschen etwas mit Karneval zu tun, für andere mit St. Martin und Laternenumzügen.

Für mich hat dieser Tag seit einigen Jahren einen Soundtrack.

Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Und sobald irgendwo ein Kind mit einer Laterne auftaucht, beginnt er zuverlässig wieder in meinem Kopf.

Die Ursache liegt ein paar Jahre zurück und hat mit Pokémon Go zu tun. Damals stand ich kurz vor Level 40, dem damaligen Höchstlevel des Spiels. Mir fehlten noch Erfahrungspunkte, und wer Pokémon Go kennt, weiß: Wenn man sich so kurz vor einem Ziel befindet, entwickelt man eine erstaunliche Bereitschaft, längere Zeit an Orten herumzusitzen, die viele PokéStops bieten.

In Eschwege war der Schulberg dafür hervorragend geeignet.

Also parkte ich an einem kühlen Herbstabend vor der ehemaligen Synagoge. Das Auto stand so, dass ich mehrere PokéStops erreichen konnte, Lockmodule liefen, das Handy war bereit.

Mein Plan war einfach: Erfahrungspunkte sammeln, Level 40 erreichen, nach Hause fahren.

Dann hörte ich Gesang.

Rabimmel

Eine Gruppe Kinder kam die Gasse herauf. Vorne ein Mann mit Gitarre, dahinter ungefähr zwanzig fröhliche Laternenkinder.

Soweit völlig normal.

Natürlich sangen sie „Ich geh mit meiner Laterne“.

Genauer gesagt sangen sie einen ganz bestimmten Teil davon.

Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Immer wieder.

Keine Strophe. Keine musikalische Überraschung. Einfach Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Die Gruppe zog Richtung Karlsturm weiter und irgendwann wurde es wieder still.

Ich fing Pokémon, drehte PokéStops und genoss die Ruhe.

Ungefähr eine Viertelstunde.

Dann kamen sie zurück.

Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Immer noch derselbe Mann mit der Gitarre. Immer noch dieselben Kinder. Immer noch derselbe Refrain.

Sie zogen an mir vorbei und verschwanden in Richtung Heimatmuseum.

Wieder Ruhe.

Ich hätte misstrauisch werden sollen.

Rabammel

Zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten später hörte ich sie erneut.

Diesmal kamen sie aus einer anderen Richtung.

„Mein Licht geht aus, wir gehen nach Haus …“

Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Inzwischen hatte sich das Lied in meinem Kopf festgesetzt. Ich konzentrierte mich auf Pokémon, Erfahrungspunkte und die immer kleiner werdende Entfernung zu Level 40.

Der Laternenumzug konzentrierte sich offenbar darauf, alle verfügbaren Straßen rund um den Schulberg mindestens einmal abzuschreiten.

Wieder runter.

Wieder hoch.

Wieder Rabimmel.

Irgendwann war es gegen 20 Uhr. Ich war mir ziemlich sicher, dass Laternenumzüge mit Kindergartenkindern irgendwann auch einmal enden müssen.

Irrtum.

Rabumm

Mir fehlten inzwischen weniger als 100.000 Erfahrungspunkte.

Also Glücksei aktiviert und Pokémon entwickelt. Jetzt wollte ich nur noch Level 40 erreichen und anschließend verschwinden.

Dann hörte ich es wieder.

Aus Richtung der Treppe beim Woolworth näherte sich ein vertrautes Geräusch.

Rabimmel, Rabammel, Rabumm.

Nicht schon wieder.

Ich schaute aufs Handy.

Noch drei Entwicklungen.

Rabimmel.

Noch zwei.

Rabammel.

Noch eine.

Rabumm.

Level 40.

Endlich.

Ich packte das Handy weg, startete das Auto und hatte auf einmal meine ganz persönliche Version des Laternenliedes im Kopf:

Mein Licht geht aus, ich fahr nach Haus.

Den Anwohnern rund um den Schulberg galt mein aufrichtiges Mitgefühl. Ich konnte wegfahren.

Sie nicht.

Und jedes Jahr kommt es wieder

Die Pokémon aus diesem Abend könnte ich heute vermutlich nicht mehr aufzählen. Level 40 ist bei Pokémon Go längst nichts Besonderes mehr.

Der Laternenumzug dagegen hat sich erstaunlich erfolgreich in meinem Gedächtnis festgesetzt.

Sobald es November wird und irgendwo die erste Laterne auftaucht, braucht es nicht einmal Musik. Mein Kopf übernimmt den Rest vollkommen selbstständig.

Rabimmel.

Rabammel.

Rabumm.

Vielleicht auch noch Bumm, Bumm.

Und dann weiß ich:

Es ist wieder so weit.

Foto: Chat-GPT / Layout: Norbert Beck

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