König Fußball? Mir doch egal!

Es gibt Dinge, bei denen man offenbar automatisch mitmachen soll. Fußball-Weltmeisterschaften gehören dazu. Fahnen raus, Spielplan studieren, beim Anpfiff vor dem Fernseher sitzen und anschließend mehrere Tage darüber diskutieren, warum irgendein Ball nun drei Zentimeter weiter links hätte landen müssen.

Bei mir funktioniert das seit Anfang der 2000er-Jahre nicht mehr.

Natürlich bekomme auch ich mit, wenn eine Welt- oder Europameisterschaft läuft. Man müsste vermutlich für ein paar Wochen in eine abgelegene Waldhütte ohne Strom ziehen, um dem vollständig zu entkommen. Aber während andere mitfiebern, hält sich meine Begeisterung inzwischen in sehr überschaubaren Grenzen. Wenn Deutschland früh ausscheidet, verändert das meinen Schlafrhythmus jedenfalls nicht.

Dabei habe ich grundsätzlich nichts gegen Fußball. Mich stört vielmehr das, was aus dem Profifußball geworden ist.

Wenn der Fußball nur noch die Kulisse ist

Rund um die großen Turniere geht es längst um sehr viel mehr als 22 Menschen und einen Ball. Übertragungsrechte, Sponsoren, Werbung, Ticketpreise, Spielergehälter und ein Medienbetrieb, der aus nahezu jeder Entscheidung eine mehrtägige Geschichte machen kann.

Natürlich war Fußball auch früher ein Geschäft. Wahrscheinlich verkläre ich einen Teil davon im Rückblick sogar. Aber die Dimensionen haben sich verändert. Wenn rund um ein Fußballspiel Summen bewegt werden, bei denen normale Menschen irgendwann Schwierigkeiten bekommen, überhaupt noch die Nullen zu zählen, verliere ich das Interesse.

Dazu kommt der ganze Zirkus neben dem Platz. Wochenlang werden Aufstellungen diskutiert, einzelne Spieler zu Hoffnungsträgern erklärt und anschließend wieder öffentlich zerlegt. Ehemalige Fußballer erklären als Experten, was aktuelle Fußballer falsch gemacht haben, andere Experten erklären, warum der erste Experte falschliegt, und am nächsten Tag beginnt alles von vorne.

Man kann damit viele Stunden verbringen.

Ich muss es nur nicht.

Vielleicht bin ich für den modernen Profifußball schlicht kein besonders geeigneter Kunde mehr. Ich brauche keine Mannschaft, die stellvertretend für mich nationale Ehre verteidigt, und ich muss auch nicht wissen, welcher Spieler gerade mit welchem Verein über welche Millionen verhandelt.

Eine Begegnung ist mir dagegen bis heute im Gedächtnis geblieben.

800 Mark, ein Möbelgutschein und ein VW Käfer

Vor einigen Jahren traf ich bei einer Autogrammbörse in Eschwege Heiner Kördell. Er gehörte zur Schalker Meistermannschaft von 1958 und spielte einmal für die deutsche Nationalmannschaft.

Kördell erzählte damals von seiner aktiven Zeit und zeigte seinen goldenen Meisterring. Besonders hängen geblieben ist mir aber, was er über die Prämie für die Deutsche Meisterschaft erzählte: 800 Mark, einen Gutschein für ein Möbelhaus und für einen Tag einen VW Käfer.

Heute klingt das beinahe wie eine Geschichte aus einem anderen Universum.

Nicht deshalb, weil Fußballer früher grundsätzlich bessere Menschen gewesen wären. Das wäre mir zu einfach. Die Bedingungen waren schlicht andere. Fußballspieler standen damals gesellschaftlich und finanziell an einer völlig anderen Stelle als die heutigen Stars.

Kördell erzählte auch von seinem einzigen Länderspiel und davon, wie schnell seine Nationalmannschaftskarriere wieder vorbei war. Nach einem unerlaubten nächtlichen Ausflug in Kairo machte Bundestrainer Sepp Herberger offenbar ziemlich deutlich, was er davon hielt. Für Kördell blieb es bei diesem einen Länderspiel.

Ob früher deshalb alles besser war? Sicher nicht.

Aber genau solche Geschichten interessieren mich wesentlich mehr als die nächste Debatte darüber, wer im kommenden Spiel im Tor steht oder welcher Verein gerade bereit ist, noch ein paar Millionen auf eine Ablösesumme draufzulegen.

Vielleicht liegt darin mein eigentliches Problem mit dem modernen Profifußball: Der Fußball selbst ist mir gar nicht egal. Der gigantische Apparat darum herum ist es.

Ich schaue mir lieber einen Menschen wie Heiner Kördell an, der Jahrzehnte später noch seinen Meisterring zeigt und von einer Zeit erzählt, in der ein VW Käfer für einen Tag Teil einer Meisterprämie sein konnte.

Das ist für mich eine Fußballgeschichte.

Den Rest dürfen andere gerne diskutieren.

Wenn währenddessen irgendwo ein Riesenrad fährt, weiß ich jedenfalls, wo man mich eher findet.

Bildinformationen:
Foto
: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro

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