Mit einem einzelnen Menschen kann ich mich normalerweise ganz gut unterhalten. Auch zwei oder drei bekannte Gesichter bringen mich nicht aus der Ruhe. Interessant wird es, wenn ich irgendwo in einer größeren Gruppe lande und kaum jemanden kenne. Dann passiert in meinem Kopf etwas, das ich inzwischen ziemlich treffend als Social Overload bezeichne.
Ein Gespräch mit einer einzelnen Person ist für mich ein bisschen wie Tennis. Man spielt sich gegenseitig die Bälle zu, reagiert aufeinander und weiß ungefähr, was als Nächstes passiert. Eine Gruppe voller fremder Menschen ist dagegen eher Völkerball. Nur in der Variante, bei der ich als Letzter meines Teams mitten auf dem Feld stehe und plötzlich jeder einen Ball in der Hand hat.
Natürlich wirft in Wirklichkeit niemand mit irgendetwas nach mir. Trotzdem fühlt es sich manchmal ungefähr so an.
Warum macht mein Kopf daraus so ein Theater?
Ich wollte irgendwann nicht mehr nur feststellen, dass mir solche Situationen unangenehm sind. Mich interessiert inzwischen viel mehr, warum das bei mir eigentlich so funktioniert. Warum komme ich mit einzelnen Menschen gut klar, während mein Kopf bei einer größeren Gruppe offenbar beschließt, vorsorglich sämtliche Warnlampen einzuschalten?
Und vor allem: Kann ich daran etwas ändern?
Damit wären wir ausgerechnet beim Lesen.
Ich habe nämlich neuerdings wieder damit angefangen. Also mit richtigen Büchern. Für die Jüngeren: Das ist dieses etwas merkwürdige Medium, bei dem ausschließlich Text geliefert wird und man den kompletten Film selbst im Kopf produzieren muss. Keine Animation, kein Scrollen, kein Algorithmus, der nach drei Seiten wissen möchte, ob ich vielleicht lieber ein Katzenvideo sehen will.
Ganz so nostalgisch bin ich dann allerdings doch nicht. Ich lese auf dem Tablet mit dem Moon+ Reader. Nebenbei habe ich dabei festgestellt, dass sich sogar das Buch, an dem ich selbst schreibe, darin erstaunlich gut lesen lässt. Aber das ist eine andere Baustelle.
Einen kleinen Schubs zurück zum Lesen gab mir Bernd Stelters „Wer älter wird, braucht Spaß am Leben“. Ich gehe inzwischen stramm auf die Mitte 50 zu, und das Älterwerden an sich macht mir dabei gar nicht so große Sorgen. Interessanter finde ich die Frage, was ich mit den nächsten Jahren eigentlich anfangen möchte.
Ich möchte gesünder werden. Ich möchte erheblich Gewicht verlieren. Ich möchte wieder mehr erleben. Und ich möchte auch besser verstehen, was mein eigener Kopf gelegentlich mit mir veranstaltet.
Es gibt offensichtlich mehr als eine Baustelle.
Willkommen in meiner persönlichen Castingshow
Deshalb bin ich bei Borwin Bandelows „Das Buch für Schüchterne – Wege aus der Selbstblockade“ gelandet. Der Titel klingt ein bisschen so, als müsste ich das Buch heimlich in braunes Packpapier einschlagen. Inhaltlich habe ich mich allerdings ziemlich schnell wiedergefunden.
Besonders hängen geblieben ist bei mir das Bild einer Castingshow. In sozialen Situationen kann schnell das Gefühl entstehen, von anderen kritisch beobachtet und bewertet zu werden. Genau dieses Bild benutzt auch Bandelow.
Bei mir sieht die Sendung ungefähr so aus: Ich betrete einen Raum, kenne kaum jemanden und mein Kopf baut innerhalb weniger Sekunden ein komplettes Fernsehstudio auf. Scheinwerfer an, Kamera drauf und irgendwo sitzt bereits mein persönlicher Dieter Bohlen in der Jury. Der wartet natürlich nur darauf, jeden Satz, jede Bewegung und vermutlich sogar die Art zu bewerten, wie ich mein Glas festhalte.
Das Absurde daran ist: Die anderen Menschen haben vermutlich überhaupt keine Zeit für meine imaginäre Castingshow. Die haben ihre eigenen Gedanken und Probleme. Einer überlegt vielleicht, ob der Senffleck auf seinem Shirt noch zu sehen ist, der Nächste möchte nach Hause und ein Dritter fragt sich wahrscheinlich genauso wie ich, warum er überhaupt hier herumsteht.
Rational weiß ich das.
Mein Kopf hat die Information nur offenbar noch nicht überall verteilt.
Ich will daraus auch keine Selbstdiagnose machen. Mich interessiert zunächst einmal mein eigenes Erleben und die Frage, ob ich lernen kann, mit solchen Situationen besser umzugehen. Das Buch ist dabei kein Wundermittel und ich bin auch noch längst nicht durch.
Deshalb gibt es an dieser Stelle auch keine große Erkenntnis und keine fünf Tipps für ein selbstbewussteres Leben. Ich habe mir lediglich vorgenommen, abends die letzte halbe Stunde vor dem Schlafengehen wieder regelmäßig zu lesen und dabei vielleicht etwas mehr darüber herauszufinden, warum mein Kopf in manchen Situationen so einen Aufwand betreibt.
Ob das etwas verändert, weiß ich noch nicht.
Aber immerhin lese ich wieder. Und vielleicht finde ich zwischen zwei Buchdeckeln ja ein paar Hinweise darauf, wie ich meiner persönlichen Jury irgendwann den Strom abstelle.
Quellen
Der korrekte Titel von Bernd Stelters Buch lautet „Wer älter wird, braucht Spaß am Leben“.
Borwin Bandelows Buch heißt „Das Buch für Schüchterne – Wege aus der Selbstblockade“. Die Beschreibung des Rowohlt Verlags greift ebenfalls das Bild auf, sich in sozialen Situationen kritisch beobachtet und wie in einer Castingshow bewertet zu fühlen.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro