Das Foto von diesem Morgen gefällt mir eigentlich ganz gut. Sonne, grünes Beanie, ein ordentliches Lächeln im Gesicht. Sieht aus wie ein entspannter Sonntagmorgen am See.
Was man auf dem Bild nicht sieht: Nach ungefähr 600 Metern hatte meine rechte Hüfte bereits beschlossen, sich an der Veranstaltung zu beteiligen.
Zwei Tage vorher war ich noch 2,8 Kilometer um die Knaus-Hallig am Werratalsee gegangen. Das hatte erstaunlich gut funktioniert. Also entstand in meinem Kopf eine ausgesprochen einfache Rechnung: Wenn 2,8 Kilometer gehen, dann sollten knapp fünf Kilometer doch auch kein Problem sein.
Mathematik ist manchmal wesentlich optimistischer als der eigene Körper.
Mein Ziel waren diesmal die Bruchteiche bei Bad Sooden-Allendorf. Die Gegend kenne ich noch aus der Zeit, in der ich dort regelmäßig joggend unterwegs war. Beim Anglerheim steht sogar ein Schild für einen Nordic-Walking-Park. Einen Streckenplan brauchte ich eigentlich nicht. Die Runde um die beiden Teiche kannte ich.
Früher jedenfalls.
Die ersten 600 Meter liefen hervorragend
Zumindest bis Kilometer 0,6.
Da begann die rechte Hüfte zu ziehen. Nicht dramatisch, aber deutlich genug, dass ich es bemerkte. Nach ungefähr 1,1 Kilometern meldete sich zusätzlich die Lendenwirbelsäule und später kam noch die rechte Schulter dazu.
Damit war die ursprüngliche Idee eines gemütlichen Sonntagsspaziergangs endgültig etwas beschädigt.
Ich hatte vorher eine Schmerztablette genommen. Viel zu merken war davon allerdings nicht. Also ging ich weiter und versuchte, einen Rhythmus zu finden, bei dem sich alles halbwegs erträglich anfühlte.
Die Strecke selbst machte es mir dabei eigentlich leicht. Es war früh am Morgen, kaum jemand unterwegs und die Sonne schien. Genau die Art von Umgebung, wegen der ich überhaupt gerne rausgehe.
Nur mein Körper hatte offenbar einen anderen Tagesplan.
Am zweiten Teich machte ich erst einmal Pause.
Plopp
Ich setzte mich hin und schaute eine Weile aufs Wasser.
Ein Haubentaucher verschwand mit einem satten „Plopp“ unter der Oberfläche. Für ein paar Sekunden war er weg, dann tauchte er ein Stück weiter wieder auf. Vermutlich vollkommen unbeeindruckt davon, dass ein paar Meter entfernt jemand saß, der seine ursprünglich geplanten fünf Kilometer inzwischen noch einmal neu bewertete.
Am Wegesrand standen Taubnesseln. Bei denen muss ich bis heute an meine Kindheit denken. Blüte abziehen und den winzigen süßen Tropfen herausziehen – damals brauchte es offenbar nicht viel für eine kulinarische Sensation.
Solche kleinen Dinge nehme ich unterwegs inzwischen wieder bewusster wahr.
Vielleicht auch deshalb, weil ich öfter mal stehen bleiben muss.
Das ist nicht unbedingt die Methode, die ich mir ausgesucht hätte. Aber wenn man schon eine Pause macht, kann man wenigstens schauen, was um einen herum passiert.
Zurück musste ich trotzdem
Nach der Pause wurde die Strecke nicht plötzlich leichter. Die Beschwerden waren noch da und besonders mein Rücken fand eine sehr aufrechte Haltung offenbar am angenehmsten.
Also ging ich weiter.
Nicht besonders schnell und auch nicht besonders elegant. Aber irgendwann tauchte das Auto wieder auf, und darüber war ich an diesem Morgen ausgesprochen froh.
Die geplante Strecke hatte sich damit ziemlich anders entwickelt, als ich sie mir vorher vorgestellt hatte. Zwei Tage zuvor waren 2,8 Kilometer gut gegangen. Daraus hatte ich geschlossen, dass knapp fünf Kilometer der nächste logische Schritt wären.
An diesem Sonntag waren sie es nicht.
Das muss ich auch nicht größer machen, als es ist. Ich habe etwas ausprobiert und gemerkt, dass mein Körper an diesem Morgen andere Grenzen gesetzt hat, als ich erwartet hatte.
Beim nächsten Mal weiß ich mehr.
Und dann ist da dieses Foto
Das Interessante an der ganzen Geschichte ist für mich tatsächlich das Bild.
Darauf sieht man nichts von der Hüfte. Nichts vom Rücken und nichts von der Schulter. Man sieht nicht die Pause am zweiten Teich und auch nicht den ziemlich mühsamen Rückweg zum Auto.
Man sieht mich lächeln.
Und dieses Lächeln ist nicht einmal falsch.
Ich habe in diesem Moment wirklich gelächelt. Ich war draußen, die Sonne schien und wahrscheinlich hatte ich gerade einfach einen guten Augenblick.
Das Foto lügt also nicht.
Es erzählt nur nicht die ganze Geschichte.
Genau das vergisst man bei Bildern manchmal. Sie halten einen Sekundenbruchteil fest. Was fünf Minuten vorher passiert ist oder wie sich die nächsten zwei Kilometer anfühlen werden, bleibt außerhalb des Bildausschnitts.
Bei mir waren es an diesem Morgen jedenfalls deutlich mehr als ein Lächeln und ein grünes Beanie.
Aber davon wusste die Kamera nichts.
Bildinformationen:
Foto: Norbert Beck, mit Google Gemini und Google Nano Banana bearbeitet
Komposition des Beitragsbildes: Norbert Beck mit Unterstützung von canva pro