Zum Ende hin gibt sich 2021 noch einmal Mühe.
Die Sonne scheint, die Temperaturen sind zweistellig und draußen sieht es eher nach beginnendem Frühling als nach kalendarischem Winter aus. Ich war heute fast zwei Stunden unterwegs. Eigentlich wäre ich locker eine halbe Stunde früher wieder am Auto gewesen, wenn ich nicht mit ein paar gefiederten Freunden geflirtet hätte.
Vögel beobachten kostet Zeit.
Beim Herumlaufen musste ich darüber nachdenken, was dieses Jahr eigentlich gewesen ist.
Man sagt ja gern, früher sei alles besser gewesen. Wahrscheinlich stimmt das gar nicht. Wir erinnern uns nur lieber an die guten Dinge und schieben Streit, Schmerzen, Enttäuschungen und Trauer etwas weiter nach hinten.
Bei 2021 wird das schwierig.
Das Jahr, in dem meine Mutter starb
Wenn mich jemand fragt, was ich mit 2021 verbinde, steht eine Sache über allem anderen:
Meine Mutter ist gestorben.
Es kam schnell und unerwartet. In ihrer Familie waren viele gesundheitlich nicht gerade mit unverwüstlicher Serienausstattung unterwegs, trotzdem wurden einige deutlich älter als sie.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass dieses Jahr so beginnen würde.
Vieles, was danach kam, wurde davon beeinflusst. Das Haus, der Alltag, Erinnerungen und natürlich die Frage, wie es eigentlich weitergeht, wenn ein Mensch fehlt, der über viele Jahre selbstverständlich dazugehört hat.
Ein Jahresrückblick kann das nicht passend zusammenfassen.
Es war einfach da.
Und ist es noch.
Viele Kilo weniger – und trotzdem nicht fertig
2021 war allerdings auch das Jahr, in dem ich sehr viele Kilo abgenommen habe.
Hätte mir im Januar jemand vorgeschlagen, zwei Stunden spazieren zu gehen, hätte ich ihm wahrscheinlich einen Vogel gezeigt. Heute gehe ich zwei Stunden raus und beobachte dabei tatsächlich welche.
Das Essen ist gesünder geworden, ich bewege mich mehr und die Trainingspläne meiner Trainerin haben einiges verändert.
Darauf darf ich durchaus stolz sein.
Neu ist die Geschichte allerdings nicht. Rund zehn Jahre zuvor hatte ich schon einmal sehr viel Gewicht verloren. Damals waren es innerhalb eines Jahres sogar ungefähr 70 Kilo.
Mit einem kleinen Vorteil:
Ich war zehn Jahre jünger.
Und körperlich an einigen Stellen deutlich weniger reparaturbedürftig.
Seit dem Frühsommer bewegt sich die Waage außerdem kaum noch. Zwei Kilo rauf, zwei runter, dann wieder zurück. Große Überraschungen bleiben aus.
Dafür merke ich Veränderungen an anderer Stelle. Kleidung, die lange zu klein war, passt teilweise wieder. Zum Glück habe ich den Sack mit den Sachen zwei Nummern kleiner damals nicht zur Altkleidersammlung gebracht.
Die Waage ist eben nicht immer die Einzige, die etwas zu melden hat.
Mein Körper hätte gern eine Generalüberholung
Gesundheitlich lief 2021 nicht nur bergauf.
Meine Magenprobleme beschäftigen mich weiterhin. Besonders im Oberbauch gibt es eine Stelle, an der sich zeitweise alles zu stauen scheint. Essen, Trinken, Luft – und wenn dann noch ein Hustenanfall vom Asthma dazukommt, kann es ziemlich unangenehm werden.
Manche Tage sind besser, andere deutlich schlechter.
Mein Hausarzt sucht noch nach einer Erklärung, die Medikamente haben bisher jedenfalls nicht die erhoffte Verbesserung gebracht. Selbst beim Training mussten Übungen angepasst werden, weil mein Bauch bei manchen Belastungen ziemlich klar signalisiert, was er davon hält.
Dazu meldet sich gelegentlich ein altes Problem zurück, das schon vor Jahren ein Grund war, wieder mit dem Laufen anzufangen: mein Herz.
Wenn ich ehrlich bin, hätte mein Körper an mehreren Stellen eine gründliche Inspektion verdient.
Nur bekommt man Facharzttermine leider nicht so einfach wie einen Termin zum Reifenwechsel.
Also geht es Schritt für Schritt weiter.
Knapp 100 Kilometer sind besser als null
1.000 Laufkilometer kann ich für 2021 nicht anbieten.
Knapp 100 werden es immerhin.
Für jemanden, bei dem jahrelang praktisch nichts in dieser Richtung passiert ist, finde ich das gar nicht schlecht.
Komplette Trainingseinheiten laufe ich meist nicht durch. Wenn meine Trainerin beispielsweise 45 oder 60 Minuten Gehen auf den Plan schreibt, fahre ich gern an einen Teich. Eine Runde dort sind ungefähr 1,5 Kilometer. Drei oder vier Runden passen zeitlich ganz gut.
Je nach Tagesform trabe ich ein oder zwei davon.
Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen Gehen und Laufen ist dabei derzeit eher überschaubar.
Aber ich laufe wieder.
Das reicht fürs Erste.
Friedrichskoog
2021 war außerdem mein erster richtiger Urlaub seit ungefähr fünf Jahren.
Nordsee. Friedrichskoog.
Viel draußen, viel Bewegung, viel Natur.
Und wenn ich ehrlich darüber nachdenke, waren das zwei Wochen, in denen es mir zum ersten Mal seit langer Zeit wieder richtig gut ging.
Zu Hause merke ich trotz Medikamenten immer wieder mein Asthma. Dort war zwei Wochen lang praktisch Ruhe.
Lag es an der salzigen Luft? An der Bewegung? Am Essen? Einfach daran, dass ich einmal raus war?
Keine Ahnung.
Wahrscheinlich war es eine Mischung aus allem.
Wichtiger ist für mich etwas anderes:
Ich habe gemerkt, wie gut es mir tun kann, nicht immer nur im üblichen Alltag festzuhängen.
Das möchte ich nicht wieder fünf Jahre lang vergessen.
Manche Freundschaften haben 2021 nicht überstanden
Corona war auch in diesem Jahr allgegenwärtig.
Und ich habe erlebt, wie sehr das Thema Menschen auseinanderbringen kann.
Dabei ging es mir irgendwann gar nicht mehr darum, ob jemand bei jeder einzelnen Frage dieselbe Meinung hatte wie ich. Unterschiedliche Ansichten gehören dazu.
Schwierig wurde es dort, wo eine andere Position überhaupt nicht mehr akzeptiert wurde.
Wo aus einem Gespräch kein Gespräch mehr wurde.
Einige Menschen, die einmal zu meinem Leben gehörten, sind dabei irgendwann auf einen Weg abgebogen, auf dem ich nicht mitgehen wollte.
Das ist schade.
Aber manchmal muss man auch akzeptieren, dass eine Freundschaft nicht jede Entwicklung übersteht.
2021 hat mir davon ein paar Beispiele geliefert.
War es also ein schlechtes Jahr?
Ja.
Nein.
Beides.
Es war das Jahr, in dem meine Mutter gestorben ist. Allein deshalb werde ich 2021 niemals als besonders gutes Jahr abspeichern.
Es war aber auch das Jahr, in dem ich 40 Kilo leichter geworden bin.
Das Jahr, in dem ich wieder angefangen habe, mich zu bewegen.
Das Jahr, in dem knapp 100 Laufkilometer zusammengekommen sind, obwohl zu Jahresbeginn schon längeres Gehen alles andere als selbstverständlich gewesen wäre.
Und es war das Jahr, in dem ich nach langer Zeit wieder an der Nordsee stand und merkte, dass es mir dort richtig gut ging.
Vielleicht muss ein Jahr auch gar nicht eindeutig gut oder schlecht sein.
Manches möchte ich aus 2021 behalten.
Anderes darf gern dortbleiben.
Zurückhaben möchte ich das Jahr jedenfalls nicht.
Also dann:
Tschüssikowski 2021.
Und 2022 darf sich gern etwas Mühe geben.
Fotos: Norbert Beck / Layout: Norbert Beck und canva PRO
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