Auch das ist Reha!

„Machen Sie sich keinen Stress.“

So ungefähr lautete eine der Botschaften bei meiner Ankunft in der Reha. Ein vernünftiger Satz. Schließlich war ich nicht hier, um Bestzeiten aufzustellen, sondern um etwas für meine Gesundheit zu tun. Bewegung, Anwendungen, Gespräche, vielleicht zwischendurch sogar etwas Erholung.

Eine Woche später hatte der Satz bereits eine gewisse humoristische Qualität entwickelt.

Denn Reha bedeutet nicht automatisch, dass man den ganzen Tag entspannt durch die Gegend schlendert und gelegentlich von freundlichen Menschen massiert wird. Reha kann auch bedeuten, dass auf dem Therapieplan mehrere Termine hintereinanderstehen und man plötzlich feststellt, dass drei Minuten erstaunlich kurz sein können.

Gerätetraining beendet. Danach Vortrag. Anschließend Gehtraining. Zwischendurch Schuhe wechseln. Dann weiter zur Gymnastik.

Keinen Stress machen.

Natürlich.

Mein Tag gehört dem Therapieplan

Nach ein paar Tagen entwickelte ich eine gewisse Routine. Morgens zuerst schauen, was heute überhaupt ansteht. Danach überlegen, welche Schuhe ich wann brauche und wie ich möglichst ohne unnötige Umwege von A nach B komme.

Der Therapieplan wurde damit zu einer Art Stundenplan für Erwachsene. Nur dass man früher in der Schule wenigstens wusste, dass nach Mathematik ziemlich sicher Englisch kam. In der Reha konnte auf Gerätetraining ein Vortrag folgen, danach Gehtraining und anschließend irgendetwas, bei dem man besser wieder andere Schuhe anhatte.

Langweilig wurde es jedenfalls nicht.

Dabei waren die Anwendungen selbst durchaus sinnvoll. Manche mochte ich mehr, manche weniger. Das gehört vermutlich dazu. Nicht jede Übung muss automatisch zum neuen Lieblingshobby werden, nur weil sie medizinisch einen Zweck erfüllt.

Es gab allerdings eine Anwendung, bei der meine Begeisterung keinerlei Überredung brauchte.

Hydrojet könnte bleiben

Der Hydrojet.

Man liegt auf einer Art Wasserbett, während warme Wasserstrahlen von unten den Rücken massieren. Man wird dabei nicht nass und muss im Grunde nichts weiter tun, als herumzuliegen.

Endlich eine Therapieform, für die ich offensichtlich über ausgezeichnete natürliche Voraussetzungen verfügte.

Wenn sämtliche Reha-Anwendungen nach meiner persönlichen Beliebtheit zusammengestellt worden wären, hätte der Hydrojet vermutlich einen erheblich größeren Anteil am Therapieplan bekommen. Vielleicht morgens Hydrojet, mittags zur Abwechslung Hydrojet und am Nachmittag zur Regeneration noch einmal Hydrojet.

Leider hatte die Klinik andere Vorstellungen.

Also wurde weiterhin trainiert, gegangen, gedehnt und zugehört.

Man kann es ja versuchen.

Eine Reha hat ihr eigenes kleines Universum

Nach einigen Tagen kennt man nicht nur die Wege durch das Gebäude besser, sondern bekommt zwangsläufig auch etwas vom Alltag der anderen mit.

Da sucht jemand den richtigen Raum. Ein anderer steht vor einem Therapieplan und versucht herauszufinden, wie er innerhalb weniger Minuten von einem Ende des Gebäudes ans andere kommen soll. Irgendwo wartet bereits die nächste Gruppe und an anderer Stelle fällt ein Termin aus.

Auch Erkältungen machten während meines Aufenthalts die Runde. Manche Mitpatienten waren deutlich hörbar angeschlagen, gleichzeitig fielen zeitweise Termine wegen erkrankten Personals aus. Ob das eine mit dem anderen zusammenhing, weiß ich nicht. Angenehmer machte es die Situation jedenfalls nicht.

Gerade in einer Reha lebt man einige Wochen ziemlich dicht miteinander. Man isst gemeinsam, sitzt in Gruppen, wartet vor Therapieräumen und trifft dieselben Menschen immer wieder auf den Fluren.

Da bekommt man zwangsläufig einiges mit.

Und manchmal wahrscheinlich auch Dinge, auf die man verzichten könnte.

Reha ist eben nicht Urlaub

Von außen kann eine Reha vielleicht ein bisschen wie ein längerer Aufenthalt mit Sportprogramm wirken. Man ist mehrere Wochen weg, bekommt Essen, hat Anwendungen und muss nicht zur Arbeit.

Urlaub ist es trotzdem nicht.

Man ist schließlich aus einem Grund dort.

Bei mir ging es darum, gesundheitlich wieder etwas besser auf die Beine zu kommen. Dafür gehörten auch Dinge dazu, die anstrengend waren oder auf die ich morgens nicht unbedingt sehnsüchtig gewartet hatte.

Und genau deshalb fand ich diesen Gegensatz irgendwann ziemlich amüsant.

Auf der einen Seite soll man sich erholen, auf den Körper achten und keinen unnötigen Stress machen. Auf der anderen Seite schaut man auf die Uhr und stellt fest, dass der nächste Termin in wenigen Minuten beginnt und man vorher noch quer durchs Gebäude und die Schuhe wechseln muss.

Beides kann gleichzeitig stimmen.

Trotzdem nehme ich einiges mit

Ich möchte mich über diese Zeit auch gar nicht beschweren. Die Reha hat mir Dinge gezeigt, bei denen ich weitermachen möchte, und andere, bei denen ich gemerkt habe, wo meine Grenzen liegen.

Nicht jede Anwendung war angenehm. Nicht jeder Tag war entspannt. Und selbstverständlich gab es Momente, in denen ich lieber etwas anderes gemacht hätte.

Aber auch das gehört dazu.

Eine Reha besteht eben nicht nur aus den Momenten, die später auf einem Prospekt gut aussehen würden. Sie besteht aus Therapieplänen, verschwundenen Räumen, Schuhwechseln, müden Beinen, kurzfristigen Änderungen und gelegentlich der Frage, wie „Keinen Stress machen“ mit dem nächsten Termin in drei Minuten zusammenpassen soll.

Und dann gibt es den Hydrojet.

Bei manchen Dingen sind sich medizinische Notwendigkeit und mein persönlicher Geschmack eben erstaunlich einig.

Auch das ist Reha.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: Canva-Pro und Norbert Beck

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