Ich bin kein Held

Vor vielen Jahren habe ich mehr als 80 Kilo abgenommen. Ich schrieb damals in Foren und später in meinem eigenen Blog darüber, und für manche Menschen war ich offenbar so etwas wie ein Vorbild. Vielleicht sogar ein Held.

Das fühlte sich natürlich gut an. Wenn Menschen einem schreiben, dass man sie motiviert hat, schmeichelt das. Und wenn auf der Waage über Monate immer kleinere Zahlen auftauchen, lässt sich daraus wunderbar eine Erfolgsgeschichte bauen.

Nur hatte meine Geschichte keinen Abspann.

Das Leben lief weiter.

Meine Mutter wurde zum Pflegefall, und neben meiner Arbeit kümmerte ich mich um sie. Für Sport blieb immer weniger Raum, meine eigene Gesundheit rückte nach hinten und irgendwann kam auch das Gewicht zurück.

Nach ihrem Tod habe ich mehrfach versucht, wieder dort anzuknüpfen, wo ich einmal gewesen war. Manche Versuche liefen eine Weile ganz gut, andere eher überschaubar. Es gab immer wieder den Gedanken: Jetzt aber. Jetzt fange ich wieder richtig an.

Heute weiß ich, dass allein dieser Satz schon ein kleines Warnsignal bei mir ist.

Ein Erfolg von damals ist keine Garantie für heute

Mein Körper ist inzwischen ein anderer.

Asthma, Rückenprobleme, chronische Bauchbeschwerden und Diabetes gehören zu meinem Alltag. Nach einer Reha im Herbst war eigentlich der nächste Anlauf geplant, dann kam ein Infekt dazwischen. Acht Wochen ohne Sport, Bronchien, die jede Treppe persönlich nahmen, und anschließend Rückenschmerzen.

Als ich endlich wieder ins Fitnessstudio konnte, machte mein Puls ebenfalls nicht das, was ich erwartet hatte. Statt der Werte, die ich von mir kannte, ging er beim Training zeitweise auf über 200. Nach einer Anpassung meiner Medikamente normalisierte sich das wieder.

Solche Phasen lassen sich schlecht in eine klassische Vorher-Nachher-Geschichte packen.

Da wäre das alte Foto, auf dem vieles schon geschafft aussieht. Daneben könnte man ein aktuelles Foto stellen und erklären, wie weit ich davon wieder entfernt bin.

Nur was sollte das beweisen?

Dass ich versagt habe?

So einfach ist es nicht.

Ich war damals auch kein Held

Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis, die ich aus meiner eigenen Geschichte mitgenommen habe.

Ich war auch damals kein Held.

Ich war ein Mensch, bei dem etwas über längere Zeit sehr gut funktioniert hat. Ich habe sehr viel Gewicht verloren, mich viel bewegt und Dinge geschafft, auf die ich durchaus stolz sein darf.

Aber daraus wurde nie ein Rezept, das automatisch für den Rest meines Lebens funktioniert.

Schon gar nicht wurde daraus ein Rezept für andere.

Was bei mir funktioniert hat, muss bei niemand anderem funktionieren. Und selbst bei mir funktioniert heute nicht zwangsläufig dasselbe wie vor vielen Jahren.

Das macht die Sache etwas komplizierter als die üblichen Erfolgsgeschichten. Mir gefällt diese Version inzwischen trotzdem besser.

Sie ist wenigstens wahr.

Ich will nicht mehr zurück

Lange dachte ich, ich müsste wieder der werden, der ich damals war.

Wieder dieses Gewicht. Wieder diese Laufleistung. Wieder dieselbe Konsequenz. Am besten alles möglichst schnell, weil ich schließlich schon einmal bewiesen hatte, dass ich es kann.

Inzwischen möchte ich gar nicht mehr zurück.

Ich möchte vorwärts.

Natürlich will ich Gewicht verlieren. Meine Gesundheit spielt dabei eine große Rolle, und ich werde die Zahl auf der Waage ganz sicher nicht plötzlich für bedeutungslos erklären.

Aber ich möchte meinen Weg nicht mehr nur daran messen.

Ich möchte wieder besser und länger gehen können. Ich möchte rausfahren, ohne schon vorher darüber nachzudenken, ob eine Strecke zu lang wird. Ich möchte Orte sehen, spontan etwas unternehmen und nicht immer zuerst prüfen, was mein Körper heute genehmigt.

Meine Welt soll wieder größer werden.

Wenn dabei die Zahl auf der Waage kleiner wird, habe ich nichts dagegen.

Kein letzter Versuch

Deshalb gibt es von mir auch keine Ansage mehr wie: Das ist jetzt der endgültige Neustart.

Davon hatte ich genug.

Es kann wieder Rückschläge geben. Es kann Wochen geben, in denen kaum etwas funktioniert. Vielleicht werde ich manche Ziele erreichen und andere irgendwann ändern müssen.

Das ist dann eben so.

Ich werde hier weiterhin darüber schreiben, was ich versuche, was funktioniert und was mir gründlich misslingt. Nicht weil daraus eine Anleitung werden soll, sondern weil es meine Geschichte ist.

Vielleicht erkennt sich jemand darin wieder.

Vielleicht auch nicht.

Ich muss niemandem beweisen, dass ich ein Held bin. Mir selbst übrigens auch nicht.

Mir reicht inzwischen ein wesentlich kleineres Ziel:

wieder mehr von meinem eigenen Leben mitzubekommen.

Und dafür muss ich nicht der Mann von damals werden.

Ich muss nur herausfinden, was heute noch geht.

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