Eigentlich fing der Morgen mit einer ziemlich verrückten Idee an:
Probier es einfach aus.
Meine Trainerin sollte an dieser Stelle vielleicht besser nicht weiterlesen.
Seit Wochen beschäftigten mich meine Magen-Darm-Probleme. Die Medikamente halfen nicht so, wie ich es mir erhofft hatte, manche Übungen im Training gingen zeitweise gar nicht mehr und ich hatte zunehmend das Gefühl, dass zwar an den Beschwerden herumgedoktert wurde, die eigentliche Ursache aber weiterhin irgendwo im Verborgenen saß.
Immerhin gab es auch Dinge, die besser liefen. Ich achtete mehr auf mein Essen, kochte wieder interessanter und versuchte bewusster, etwas Ruhe in meinen Alltag zu bekommen. Vor allem bewegte ich mich mehr.
Und ich hatte den Eindruck, dass auch mein Rücken davon profitierte.
Nur eines nagte weiterhin an mir: Immer wieder sah ich Läufer.
Und ich wusste noch ziemlich genau, dass ich das selbst einmal ganz passabel konnte.
Laufen – wie ging das eigentlich noch mal?
An diesem Morgen stand ich an einem Fischteich neben meinem Auto. Die Sonne ging gerade auf, aus Richtung Hoher Meißner sah es nach Regen aus und plötzlich war diese Idee da.
Warum nicht einfach einmal versuchen zu traben?
Keine Trainingseinheit. Kein großes Comeback. Einfach ausprobieren, ob es überhaupt geht.
Hightech hatte ich früher genug dabei. Armcomputer, Handy, MP3-Player, Kopfhörer, Brustgurt und Funktionskleidung – als würde ich nicht laufen gehen, sondern eine kleinere Mondmission vorbereiten.
Diesmal zog ich bequeme Schuhe und eine Baumwolljogginghose an.
Den Armcomputer ließ ich im Auto.
Das Handy ebenfalls.
Dann stand ich da und musste tatsächlich kurz überlegen:
Wie ging Laufen eigentlich noch mal?
Oberkörper leicht nach vorne, langsam anfangen und bloß nicht übertreiben.
Also trabte ich los.
Die erste kleine Runde führte sicherheitshalber erst einmal ums Auto. Falls mein Körper innerhalb der ersten hundert Meter beschließen sollte, dass diese Idee vollkommener Unsinn war, hätte ich wenigstens keinen langen Rückweg.
Es passierte nichts.
Also lief ich weiter.
Langsam ist trotzdem Laufen
Für Außenstehende dürfte der Unterschied zwischen meinem damaligen Lauftempo und zügigem Gehen eher überschaubar gewesen sein.
Mir war das vollkommen egal.
Ich trabte.
Ich hatte damit gerechnet, dass sich meine Bronchien melden würden. Bei schnellerem oder längerem Gehen kam das damals durchaus vor. Aber diesmal blieb der erwartete Husten aus.
Auch Rücken, Knie und Hüfte verhielten sich erstaunlich friedlich.
Beim nächsten Abzweig verweigerte ich allerdings aus rein praktischen Gründen die vorgesehene Strecke. Der Weg war voller Matsch, meine Schuhe waren frisch sauber und irgendwo muss selbst bei einem spontanen Laufversuch noch eine vernünftige Grenze existieren.
Also weiter am zweiten Teich vorbei und an der nächsten brauchbaren Stelle rechts.
Noch immer lief ich.
Langsam.
Aber ich lief.
Irgendwann sah ich in einiger Entfernung wieder mein Auto und wartete beinahe darauf, dass jetzt wenigstens irgendein Körperteil Protest einlegt.
Nichts.
17 Minuten nach dem Start war ich wieder da.
Die Strecke maß ich später nach: nicht ganz zwei Kilometer.
Keine beeindruckende Zeit. Keine beeindruckende Distanz.
Aber irgendwie war es ziemlich cool.
Schwimmen wäre vernünftiger
Meine Trainerin hätte mir vermutlich erklären können, warum andere Sportarten bei meinem damaligen Gewicht die vernünftigere Wahl wären.
Schwimmen zum Beispiel.
Blöd nur, dass ich das Chlor im Schwimmbad nicht vertrage.
Radfahren wäre ebenfalls eine Möglichkeit gewesen, wenn mein Rücken dabei nicht regelmäßig eine eigene Meinung entwickelt hätte.
Natürlich gibt es Alternativen.
Das Problem ist nur:
Ich mag einfach Laufen.
Ich mag dieses Gefühl, aus eigener Kraft unterwegs zu sein. Auch wenn „Laufen“ an diesem Morgen eher großzügig ausgelegt werden musste und von Geschwindigkeit überhaupt keine Rede sein konnte.
Darum ging es aber gar nicht.
Ich wollte wissen, ob es noch geht.
Und für 17 Minuten ging es.
Ganz ohne Probleme ging es natürlich nicht
Auf den letzten Metern meldete sich dann doch noch jemand.
Mein Magen.
Das bekannte Gluckern fing wieder an, dazu etwas Aufstoßen und schließlich ziemlich deutlicher Druck. Sagen wir es so: Nach dem Lauf brauchte ich sehr kurzfristig einen ruhigen Platz abseits des Weges.
Damit war die sportliche Romantik dann auch wieder auf einem realistischen Niveau angekommen.
Meine Magen-Darm-Probleme waren schließlich nicht verschwunden, nur weil ich plötzlich wieder ein paar Minuten laufen konnte. Genau deshalb wollte ich weiterhin herausfinden, was dahintersteckte und wie ich damit vernünftig umgehen konnte.
Trotzdem überwog auf der Heimfahrt etwas anderes.
Ich hatte es getan.
Ich hatte mit Gehpausen gerechnet und keine gebraucht. Ich hatte Beschwerden erwartet, die während des Laufens nicht kamen. Und ich hatte fast zwei Kilometer geschafft, obwohl ich mir vorher nicht einmal sicher gewesen war, ob mein Körper nach ein paar hundert Metern Schluss macht.
Das bedeutete nicht, dass ich jetzt einfach wieder Läufer war.
Es bedeutete auch nicht, dass ich beim nächsten Mal automatisch weiter oder schneller laufen würde.
Aber ich wusste an diesem Morgen etwas, das ich vorher nicht wusste:
Ich konnte noch traben.
Und ich wollte es wieder tun.
Langsam, vorsichtig und gerne beim nächsten Mal ohne den sehr dringenden Abstecher ins Gebüsch.
Aber eben laufend.
Ich mag es einfach.
Foto: Norbert Beck/Layout: Norbert Beck und canva PRO