Der Mann mit der Flitsche

Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 29. März 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Eigentlich sollte es eine ganz normale Trainingsrunde werden. Ein bisschen laufen, ein bisschen Landschaft, danach wieder nach Hause. Nichts, worüber man später groß hätte schreiben müssen.

Schon beim Abstellen meines Autos fiel mir allerdings ein Transporter auf, der aus einem frisch hergerichteten Weg kam. Der Weg war für Autos gesperrt und sah anschließend nicht mehr ganz so frisch gewalzt aus. Deutliche Spurrinnen zogen sich durch den Untergrund.

Ich registrierte das erst einmal nur und lief los.

Laufen war dabei eine großzügige Bezeichnung. Ich bewegte mich zwar im Laufschritt, aber in einem Tempo, bei dem eine durchschnittlich motivierte Schnecke durchaus Chancen gehabt hätte. Das war mir allerdings ziemlich egal. Ich war inzwischen in der vierten Woche meines Neustarts und schaffte es trotz Rücken, Magen und anderer kleiner Baustellen regelmäßig raus.

Das allein war damals schon ein Fortschritt.

Etwas flog in Richtung der Schwäne

Angler an den Seen waren nichts Besonderes. An diesem Tag hatte sich ein älteres Paar allerdings ziemlich häuslich eingerichtet.

Während ich näherkam, sah ich plötzlich etwas über das Wasser fliegen. Es ging in Richtung zweier Schwäne. In der Hand des Mannes erkannte ich eine Flitsche, also eine Steinschleuder mit Gummi.

Das gefiel mir überhaupt nicht.

Ich sprach ihn darauf an.

Seine Erklärung war, dass er damit lediglich Futter ins Wasser schieße, um die Fische anzulocken.

Das konnte ich aus meiner Position natürlich nicht überprüfen. Was mich allerdings stutzig machte: Auf seinem Angelköfferchen lagen mehrere Dinge, die für mich wie Steine aussahen.

Ich sagte ihm deshalb ziemlich deutlich, dass ich es nicht akzeptieren würde, wenn damit auf die Schwäne geschossen würde, und dass ich im Wiederholungsfall entsprechend reagieren würde.

Auf Einsicht hatte ich gehofft.

Bekommen habe ich ein Wortgefecht.

Irgendwann kam auch noch sein Hund ins Spiel, offenbar als Argument dafür, dass ich mich besser nicht weiter einmischen sollte.

Das Problem dabei:

Der Hund fand mich ziemlich nett.

Ich ihn übrigens auch.

Damit war die Drohkulisse etwas beschädigt.

Als ich weiterlief, hörte ich hinter mir noch ein leise gemurmeltes:

„So ein Arschloch.“

Gut.

Das Verhältnis war damit wenigstens geklärt.

Eine Bank mit hervorragender Aussicht

Ein Stück weiter teilte sich der Weg. Direkt hinter der Kurve stand eine Bank.

Mit Blick auf den See.

Und, wie es der Zufall wollte, ziemlich genau mit Blick auf den Platz des Anglers.

Ich setzte mich.

Nicht demonstrativ.

Also jedenfalls nicht sehr demonstrativ.

Vielleicht ein bisschen.

Dort saß nun ein ziemlich schwerer Läufer auf einer Bank und schaute über den See.

Etwa zwanzig Minuten lang.

Das führte auf der anderen Seite zu einer bemerkenswerten Aktivität. Der Mann schaute immer wieder zu mir. Seine Begleitung ebenfalls. Mal verschwand jemand hinter einem Busch, dann wurde wieder vorsichtig in meine Richtung geguckt.

Ich tat nichts.

Ich saß einfach da.

Das ist eine erstaunlich wirkungsvolle Beschäftigung, wenn andere Menschen glauben, man würde sie beobachten.

Nach ungefähr zwanzig Minuten begann das Paar einzupacken.

Ob das nun ein schlechtes Gewissen war, die Sorge, dass ich tatsächlich etwas unternehmen könnte, oder einfach nur das reguläre Ende des Angelausflugs, weiß ich nicht.

Ich weiß nur: Sie gingen.

Die Schwäne blieben.

Damit konnte ich leben.

Und da war ja noch der Transporter

Später kam ich wieder an meinem Auto vorbei.

Schräg gegenüber stand ein anderes Fahrzeug mit einem auswärtigen Kennzeichen. Das Kennzeichen kam mir bekannt vor. Es ähnelte auffällig dem des Transporters, der zu Beginn aus dem gesperrten Weg gekommen war.

Ich machte beim Einsteigen noch eine Bemerkung darüber, dass ich den Transporter auf dem Weg gesehen hatte und ein entsprechendes Foto weitergeben würde.

Manchmal habe auch ich Tage, an denen meine diplomatischen Fähigkeiten überschaubar sind.

Dann bog ich in meine zweite Runde ein.

Am Ende standen 2,8 Kilometer in meinem Trainingstagebuch.

Keine große sportliche Leistung. Aber darum ging es an diesem Tag ohnehin längst nicht mehr.

Wer ist hier eigentlich das Arschloch?

Normalerweise bin ich eher friedlich. Vielleicht etwas brummig, aber friedlich.

Bei Tieren hört meine Gelassenheit allerdings ziemlich schnell auf. Was ich damals tatsächlich gesehen hatte, ließ sich aus meiner Entfernung nicht zweifelsfrei klären: Etwas flog in Richtung der Schwäne, und der Mann hatte eine Flitsche in der Hand. Er sagte, es sei Futter gewesen.

Mehr kann ich heute daraus nicht machen.

Aber ich wusste, warum ich stehen geblieben war.

Wer an einem See angelt, läuft, spazieren geht oder einfach nur auf einer Bank sitzt, teilt diesen Ort mit den Tieren, die dort leben. Gerade im Frühjahr braucht es dafür manchmal ein bisschen mehr Rücksicht und ein bisschen weniger das Gefühl, dass einem der ganze See gehört.

Der Angler hielt mich an diesem Morgen für ein Arschloch.

Ich ihn vermutlich auch.

Die Schwäne haben sich zu der Frage nicht geäußert.

Vielleicht waren sie einfach froh, dass anschließend Ruhe war.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild: canva PRO und Norbert Beck

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