Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 22. April 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.
Meine Mutter hat mir zwei Dinge beigebracht: Der Jüngere grüßt zuerst. Und wenn man gegrüßt wird, grüßt man zurück.
Eigentlich eine überschaubare Regel.
An diesem Sonntagmorgen an den Bruchteichen hatte ich trotzdem das Gefühl, dass sie nicht überall angekommen war.
Am Tag zuvor hatten wir noch Kaiserwetter gehabt. Blauer Himmel, Sonne, angenehm warm. Für den Sonntag war schlechteres Wetter angekündigt, umso erfreuter war ich, als gegen sieben Uhr draußen immer noch blauer Himmel zu sehen war.
Also machte ich mich auf den Weg zu den Bruchteichen bei Bad Sooden-Allendorf.
Zuletzt war es mir dort oft zu voll gewesen. Die Wege sind teilweise ziemlich eng, und wenn Spaziergänger, Walker, Radfahrer und Läufer gleichzeitig unterwegs sind, wird aus einer ruhigen Runde schnell eine kleine Verkehrsübung.
An diesem Morgen sah es zunächst besser aus.
Ein Jahr später
Die Runde dort kannte ich gut. Um beide größeren Teiche kommt man auf ungefähr vier Kilometer. Am Ende dieses Morgens hatte ich zwei komplette Runden und noch eine weitere um den großen Teich hinter mir. Die letzte davon ging ich.
Wobei Außenstehende bei meinem damaligen Tempo wahrscheinlich Schwierigkeiten gehabt hätten, den Unterschied zwischen Laufen und Gehen zweifelsfrei zu erkennen.
Aber darum ging es gar nicht.
Viel interessanter war etwas anderes.
Ein Jahr zuvor war ich hier ebenfalls unterwegs gewesen. Damals hatte ich mich teilweise von Bank zu Bank gehangelt und immer wieder Pausen gebraucht.
Diesmal brauchte ich keine rückenbedingte Pause.
Das fiel mir erst richtig auf, als ich schon eine ganze Weile unterwegs war.
Ganz beschwerdefrei war ich trotzdem nicht. Mein Magen hatte mir in den Tagen davor ziemlich deutlich gezeigt, dass er andere Vorstellungen von Freizeitgestaltung hatte als ich. Deshalb nahm ich mir für diesen Morgen vor, notfalls einfach langsamer zu werden oder nur zu gehen.
Hauptsache raus.
Moin
Ich grüße unterwegs eigentlich fast jeden.
Spaziergänger, Radfahrer, Walker, andere Läufer. Zur Not auch Hunde, Pferde, Katzen oder Schwäne, wobei die Rückmeldungen dort etwas unzuverlässiger sind.
Ein freundliches „Moin“ kostet nicht viel.
Die ersten Walker kamen mir entgegen.
„Moin.“
„Moin.“
Kurzes Lächeln und weiter.
Ein Spaziergänger kam.
„Moin.“
Nichts.
Gut.
Vielleicht war sein Moin-Konto für diesen Sonntag schon leer.
Am zweiten Teich saß erstaunlicherweise nur ein einziger Angler. Normalerweise findet man dort deutlich mehr Petrijünger am Ufer.
Der eine grüßte freundlich zurück.
Läuft.
Dann kamen die Läufer
Kurz darauf kamen mir zwei Läufer entgegen.
Nebeneinander.
Der Weg war nicht besonders breit und ich wich bereits ein Stück auf den Rand aus. Trotzdem wurde es eng genug, dass mich einer der beiden mit dem Ellenbogen streifte.
Kein Gruß.
Keine Reaktion.
Nicht einmal ein kurzes Zeichen nach dem Motto: Ups, war knapp.
In meinem Kopf meldete sich kurz Obelix.
„Darf ich liebenswürdig zu dem Römer sein?“
Ich entschied mich dagegen.
War vermutlich besser für alle Beteiligten.
Was mich an diesem Morgen tatsächlich wunderte: Die Leute, die meinen Gruß nicht erwiderten, waren fast ausschließlich ältere Semester.
Gerade das fand ich interessant.
Meine Mutter hatte mir schließlich beigebracht, dass der Jüngere zuerst grüßt. Sie hatte mir allerdings genauso beigebracht, dass der Ältere dann auch zurückgrüßt.
Höflichkeit funktioniert in beide Richtungen.
Und genau deshalb werde ich vermutlich auch weiterhin Menschen grüßen, die dabei aussehen, als hätte ich ihnen mit einem freundlichen „Guten Morgen“ gerade persönlich den Tag ruiniert.
Das Hirn will immer um den See
Mit jeder Runde wurde es etwas voller.
Wenn ich solche Seen sehe, passiert in meinem Kopf ohnehin etwas Merkwürdiges.
Das Hirn sagt:
Da kann man bestimmt einmal drumherum laufen.
Der Bauch antwortet sinngemäß:
Dieses Hirn. Ständig getragen werden und trotzdem nur dumme Ideen.
Das Hirn ignoriert das.
Deshalb lief ich weiter.
Bei mehreren Runden passiert es zwangsläufig, dass man denselben Menschen öfter begegnet. Mein Problem ist nur, dass ich mir Gesichter nicht besonders zuverlässig merke.
Es kann also durchaus sein, dass ich jemanden auf drei Runden dreimal grüße.
Ich sehe darin keinen großen Schaden.
Schlimmstenfalls hält mich jemand für übertrieben höflich.
Damit kann ich leben.
Die eigentlichen Könige des Weges
Neben den Menschen gab es an diesem Morgen noch andere Dinge zu sehen.
Ich entdeckte, wo ein Schwanenpaar sein Nest hatte. Den genauen Ort werde ich natürlich nicht verraten. Brütende Tiere brauchen nun wirklich keine Besuchergruppen.
Schwäne haben ohnehin eine ziemlich eigene Vorstellung davon, wem ein Weg gehört.
An den Meinhardseen beobachtete ich regelmäßig ein Paar, das vor dem Überqueren der Straße tatsächlich nach rechts und links schaute. Dann gab der Herr im Bunde ein deutliches Geräusch von sich und beide watschelten los.
Wenn ein Auto kam, wurde es angesehen.
Dann wurde weitergewatschelt.
Ganz langsam.
Das Auto konnte schließlich warten.
Ich mag diese Einstellung.
Auch die kleine sumpfige Aue zwischen den Bruchteichen sah an diesem Morgen wieder deutlich feuchter aus als im Jahr zuvor. Damals hatte dort vieles ziemlich trocken gewirkt. Jetzt sah das Gebiet wieder mehr nach Aue aus.
Solche Dinge fallen einem eben auf, wenn man langsam genug unterwegs ist.
Praktisch.
Mehr als zehn Kilometer
Am Ende standen über zehn Kilometer auf der Uhr.
Vor einem Jahr hatte ich mich hier noch von Bank zu Bank bewegt.
Jetzt war ich mehr als zehn Kilometer unterwegs gewesen, ohne dass mein Rücken eine Pause erzwang.
Natürlich war damit nicht plötzlich alles gut. Der Rücken konnte mir weiterhin einen schlechten Tag bescheren, mein Gewicht war weiterhin ein Thema und mein Magen hatte ebenfalls noch seine eigenen Vorstellungen.
Aber an diesem Morgen hatte es funktioniert.
Mehr als zehn Kilometer.
Ein paar freundliche Begegnungen.
Ein paar muffelige.
Ein Ellenbogen.
Und einige Schwäne, die in Sachen Wegerecht ohnehin längst ihre eigene Straßenverkehrsordnung besitzen.
In diesem Sinne:
Moin.
Wer möchte, darf sogar zurückgrüßen.
Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck