Poser brauchen keine Bremse

Neulich war ich mit dem Auto Richtung Meißner unterwegs, dem König der hässlichen Berge. Entschuldigung: der hessischen Berge. Ich wollte eigentlich nur irgendwo im Wald ein bisschen meine Ruhe haben.

Am Kreisel beim Bahnhof fiel mir vorher noch ein ziemlich großer Wagen auf. Daneben ein ebenso auffälliger Besitzer, viel Bling-Bling, weibliche Begleitung und ein Handy, das fleißig Fotos machte.

Mein erster Gedanke war ziemlich schlicht:

Was für ein Poser.

Und fast im selben Moment dachte ich, dass es so etwas in meinem sportlichen Umfeld eigentlich gar nicht gibt.

Das war natürlich Unsinn.

Denn kaum hatte ich diesen Gedanken zu Ende gedacht, fiel mir eine andere Szene wieder ein. Ein Radfahrer oben auf dem Meißner, Rad fein in Szene gesetzt, Fotos gemacht und alles schön ordentlich. Ob die Bilder später irgendwo im Internet landeten, weiß ich nicht. Vielleicht hat er sie auch nur seiner Oma gezeigt.

Jedenfalls erinnerte mich das an meine eigene große Radsportkarriere auf dem Meißner.

Die war deutlich weniger fotogen.

Vor ungefähr 30 Jahren hatte mein Vater mir ein Fahrrad gebaut. Mein Vater war Schlosser und hatte das Ding aus verschiedenen Teilen zusammengeschraubt. Drei Gänge.

Drei!

Ich war stolz wie Oskar.

Damit kam man natürlich nicht einfach so den Meißner hoch. Aber das wusste mein Fahrrad offenbar genauso wenig wie ich.

Also fuhr ich los.

Meine Ausrüstung entsprach dabei nicht ganz dem, was man heute vermutlich für einen standesgemäßen Auftritt benötigt. Keine hautenge Radkluft, kein aerodynamisches Trikot und auch kein Helm in einer Farbe, die aussah, als hätte ein Designer dafür drei Wochen in einem Windkanal verbracht.

Ich hatte eine Jogginghose an.

Irgendwann war die Straße beziehungsweise der Weg so steil, dass mit meinen drei Gängen endgültig Schluss war. Also nahm ich das Fahrrad auf die Schulter und schleppte es den Hang hinauf Richtung Schwalbenthal.

Oben angekommen sah ich vermutlich aus wie ein durchgeschwitzter Lumpensack auf zwei Beinen.

Auch hier habe ich im Nachhinein einen schweren Fehler gemacht.

Ich habe keine Fotos gemacht.

Stattdessen setzte ich mich beim Berggasthof hin und aß Waffeln mit Vanilleeis und heißen Himbeeren.

Katastrophal.

Heute hätte ich natürlich erst das Rad möglichst dramatisch vor der Landschaft positionieren müssen. Dazu ein nachdenklicher Blick in die Ferne. Vielleicht noch irgendein Spruch darüber, dass Grenzen nur im Kopf existieren.

Ich aß lieber meine Waffeln.

Und danach fuhr ich wieder runter.

Dann kamen die Bremsen

Bergab ging das mit dem alten Fahrrad erheblich besser als bergauf.

Sogar deutlich besser.

Vielleicht etwas zu gut.

Irgendwann wurden die Bremsen heiß. Sehr heiß.

Das merkte ich spätestens in der Gegend von Vockerode, als die Bremswirkung zunehmend eher theoretischen Charakter bekam.

Das Ende der Geschichte war ein Maisfeld.

Ich rauschte hinein und legte mich ordentlich hin.

Ein paar Schrammen, ansonsten nichts Dramatisches. Fahrrad wieder eingesammelt, Würde irgendwo zwischen den Maispflanzen liegen gelassen und weiter ging es.

Heute sehe ich natürlich, was ich damals alles falsch gemacht habe.

Kein Handy.

Keine Actionkamera.

Kein Livestream.

Nicht einmal jemand, der zufällig danebenstand und das Ganze filmte.

Da fährt ein überforderter Radfahrer mit einem selbstgebauten Dreigangrad den Meißner hinunter, die Bremsen verabschieden sich und er verschwindet mit Schwung im Mais.

Und niemand hält drauf.

Jahre an potenzieller Reichweite einfach verschenkt.

Ich hätte so viel daraus machen können

Heute hätte man daraus wahrscheinlich mehrere Inhalte produziert.

Erst ein dramatisches Video vom Aufstieg.

Dann ein Foto oben auf dem Berg.

Danach eine Story mit den Waffeln.

Und schließlich der große Clip:

„Meine Bremsen versagten am Meißner – was dann passierte, glaubt ihr nicht!“

Teil zwei selbstverständlich nur gegen Abo.

Ich hingegen bin damals einfach auf die Nase gefallen, wieder aufgestanden und nach Hause gefahren.

So unprofessionell war man früher.

Vielleicht denke ich deshalb manchmal etwas schief über dieses ganze Posieren nach. Nicht jeder, der ein schönes Foto von seinem Auto oder Fahrrad macht, ist deshalb gleich ein Idiot. Und vielleicht wollte der Radfahrer auf dem Meißner tatsächlich nur eine Erinnerung haben.

Kann ja sein.

Ich hatte von meiner Tour jedenfalls auch eine Erinnerung.

Waffeln mit heißen Himbeeren.

Drei Gänge.

Und ein Maisfeld.

Nur eine Sache ärgert mich bis heute ein bisschen.

Dass damals niemand eine Kamera dabei hatte.

Foto: Gemini / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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