E-Auto ohne eigene Lademöglichkeit: Warum ich 2022 noch gezögert habe

Mein Dacia wird dieses Jahr zwölf. Rund 180.000 Kilometer sind wir inzwischen zusammengefahren. Wenn man den Erdumfang als Maßstab nimmt, sind wir damit irgendwo mitten in der fünften Weltumrundung. Der alte Kombi hat seine Dienste also weiß Gott getan.

Dass er irgendwann gehen sollte, stand eigentlich schon fest, als meine Mutter noch lebte. Damals hatte die Sache allerdings einen ganz anderen Hintergrund. Ein Gebrauchter sollte her, möglichst mit Laderampe und entsprechender Ausstattung, damit ich meine Mutter im Rollstuhl hätte mitnehmen können, ohne sie jedes Mal umsetzen zu müssen.

Dann starb meine Mutter. Und plötzlich war auch diese Planung hinfällig.

Etwa ein Jahr später lag nun der Bescheid der Bank vor mir: Die letzte große Finanzierung war abbezahlt. Ein paar kleinere Nebenschauplätze noch, dann wäre ich zum ersten Mal seit weit über zehn Jahren wieder komplett schuldenfrei.

Natürlich schaut man in so einer Situation plötzlich etwas genauer hin, wenn die Autohersteller mit günstigen Leasingraten werben.

Ein bisschen Opel steckt wohl noch in mir

Vor meinem Dacia hatte ich einen Corsa B. Einen kleinen roten Opel mit einem bemerkenswert ausgeprägten Überlebenswillen. Mehr als einmal gab es Situationen, in denen ich anschließend dachte: Das hätte eigentlich ganz anders ausgehen müssen.

Für mich war dieser kleine Wagen irgendwann fast ein Held.

Leider war irgendwann der Rost stärker. Danach kam der Dacia Logan MCV und blieb wesentlich länger bei mir, als ich damals vermutlich gedacht hätte.

Vielleicht schaute ich deshalb besonders aufmerksam auf den elektrischen Corsa und den Mokka-e. Einen Tesla oder die elektrischen Modelle der großen deutschen Premiummarken musste ich mir finanziell gar nicht erst schönrechnen. Die beiden Opel dagegen wirkten zumindest auf den ersten Blick interessant.

Und grundsätzlich gefiel mir der Gedanke an ein Elektroauto.

Gerade in meinem Alltag müsste die Reichweite meistens überhaupt kein Problem sein. Es gibt Wochen, besonders im Sommer, da fahre ich keine 20 Kilometer mit dem Auto. Dafür brauche ich keinen rollenden Batteriespeicher, mit dem ich ohne Pause bis Gibraltar komme.

Der damalige Corsa-e wurde 2022 mit einer WLTP-Reichweite von ungefähr 350 Kilometern angeboten und konnte an einer entsprechend leistungsfähigen DC-Schnellladestation mit bis zu 100 kW geladen werden. Unter passenden Bedingungen waren rund 80 Prozent Akkuladung in etwa 30 Minuten möglich.

Auf dem Papier klang das für mich erst einmal völlig brauchbar.

Bis ich mir eine wesentlich banalere Frage stellte:

Wo soll ich das Ding eigentlich laden?

Mein Problem hat drei Stockwerke und keine Einfahrt

Ich habe ein Dreifamilienhaus. Ich nenne es gelegentlich etwas lieblos meine Bruchbude. Vorne ist die Häuserfront, hinten der Garten.

Wobei „Garten“ damals schon eine recht wohlwollende Bezeichnung war. Wildnis traf es besser.

Eine Hofeinfahrt gibt es nicht. Meine Autos standen deshalb immer an der Straße. Eine Wallbox am Haus hilft allerdings wenig, wenn zwischen Haus und Auto Gehweg und Straße liegen und ich keinen festen Stellplatz vor der Tür habe.

Die gelegentlich gezeigte Lösung, Straßenlaternen zu Ladepunkten umzubauen, fiel ebenfalls aus. Die Straßenbeleuchtung hängt bei uns an den Häusern. Und selbst mit einer technischen Lösung hätte ich noch das Problem gebraucht, dass ausgerechnet vor meinem Haus ein freier Parkplatz wartet.

Wer meine Nachbarschaft kennt, weiß ungefähr, wie zuverlässig dieser Teil des Plans gewesen wäre.

Öffentliche Ladesäulen waren da – praktisch war das trotzdem nicht

In fußläufiger Nähe meiner Arbeit gab es damals zwei öffentliche Ladepunkte. Keine hundert Meter entfernt.

Das klingt zunächst hervorragend.

Das Absurde daran: Ich bin schneller zu Fuß auf Arbeit, als wenn ich erst das Auto dorthin fahre, es anschließe und anschließend wieder zurücklaufe.

Viel entscheidender war für mich aber etwas anderes. Diese Ladepunkte waren keine Schnellladestationen. Wenn der Akku entsprechend leer gewesen wäre, hätte das Auto dort mehrere Stunden gestanden. Damit wird aus dem simplen Vorgang „Ich muss tanken“ plötzlich etwas, das geplant werden will.

Wann brauche ich das Auto wieder? Wie voll ist der Akku? Ist eine Säule frei? Lasse ich das Auto dort stehen? Wann hole ich es wieder ab?

Natürlich ist das alles lösbar.

Aber komfortabel fand ich die Vorstellung nicht.

Gerade weil mein Auto im Alltag häufig tagelang kaum bewegt wird, wäre ein Elektroauto für meine normalen Strecken eigentlich ziemlich passend gewesen. Ausgerechnet das Laden machte die Sache kompliziert.

Dann miete ich eben eine Garage. Theoretisch.

In der Umgebung gibt es Garagen. Bei manchen Häusern sogar mehr Garagen als Wohnungen.

Das Problem ist nur: Man muss erst einmal eine freie bekommen.

Und selbst dann wäre nicht automatisch eine vernünftige Stromversorgung vorhanden. Eine Leitung legen, gegebenenfalls eine Wallbox installieren, die Erlaubnis des Vermieters einholen und dafür Geld investieren – bei einer Garage, die mir nicht gehört.

Spätestens an diesem Punkt begann ich zu rechnen, ob ich gerade mein Mobilitätsproblem löse oder mir ein neues Hobby namens Ladeinfrastruktur suche.

Hinzu kommt, dass ich natürlich nicht garantieren kann, ewig hier zu wohnen. Investiere ich in die Elektrifizierung einer gemieteten Garage und ziehe irgendwann weg, darf sich entweder der Vermieter darüber freuen oder ich darf mich mit der Frage beschäftigen, was davon zurückgebaut werden muss.

Und das alles setzt voraus, dass ich überhaupt eine Garage bekomme.

Die Reichweite machte mir weniger Sorgen als das Laden

Natürlich dachte ich auch an längere Fahrten. Mein Lieblingsurlaubsort Friedrichskoog liegt von mir aus rund 430 Kilometer entfernt. Mit einem damaligen Corsa-e wäre unterwegs also ein Ladestopp einzuplanen gewesen, möglicherweise auch mehr, abhängig von Geschwindigkeit, Wetter und Verbrauch.

Damit hätte ich leben können.

Man macht Pause, lädt das Auto und fährt weiter. Für ein paar Urlaubsfahrten im Jahr wäre das für mich kein Ausschlusskriterium gewesen.

Mein eigentliches Problem begann zu Hause.

Mit eigener Einfahrt und Wallbox wäre meine Rechnung vermutlich eine völlig andere gewesen. Auto abends anschließen, morgens wieder losfahren – fertig. Genau diese komfortable Möglichkeit hatte ich aber nicht.

Deshalb war meine Frage Anfang 2022 nicht: Ist ein Elektroauto gut oder schlecht?

Sie lautete vielmehr: Passt ein Elektroauto zu meinem Alltag, wenn ich es zu Hause nicht laden kann?

Und darauf hatte ich noch keine überzeugende Antwort.

Technisch fand ich die Sache spannend. Auch ein Leasingmodell konnte ich mir vorstellen, gerade weil sich bei Elektroautos damals viel entwickelte und ich mich nicht unbedingt für viele Jahre an ein bestimmtes Modell binden wollte.

Aber ein Auto muss für mich am Ende vor allem eines tun: funktionieren, wenn ich es brauche.

Also würde mein Dacia wahrscheinlich doch noch einmal Bekanntschaft mit dem TÜV machen müssen.

Nach zwölf Jahren und 180.000 Kilometern dürfte ihn das kaum noch überraschen.

Und was danach kommt?

Das wusste ich Anfang 2022 selbst noch nicht.

Foto: Gemini / Layout: canva PRO und Norbert Beck

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