Als mein Alltag wieder in Bewegung kam

Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 8. März 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Noch 424 Tage bis zu meinem 50. Geburtstag.

  1. Das klingt erst einmal nach einer ziemlich amtlichen Zahl. Andererseits hatte ich schon zu meinem 30. Geburtstag verkündet, dass ich mindestens 150 Jahre alt werde und mit 130 als ältester Goldmedaillengewinner der olympischen Geschichte im Stangenhalma antrete.

Was Stangenhalma genau sein soll, weiß ich bis heute nicht.

Ich habe also noch Zeit.

Anfang März 2022 beschäftigte mich allerdings weniger mein langfristiger olympischer Karriereplan als die Frage, wie es gesundheitlich überhaupt weitergehen sollte. Mir ging es seit Monaten immer wieder schlecht. Magen und Darm machten regelmäßig Probleme, teilweise mehrmals in der Woche. Krämpfe, Durchfall, ein aufgeblähter Bauch – manchmal war der Tag praktisch gelaufen, bevor er richtig angefangen hatte.

Dazu kam mein Typ-2-Diabetes. Meine Blutzuckerwerte waren eine Zeit lang ziemlich aus dem Ruder gelaufen und mein Gewicht bewegte sich seit Monaten kaum noch.

Irgendetwas musste sich ändern.

Eine Liste voller Dinge, die plötzlich anders waren

Einige Wochen zuvor hatte ich deshalb meine Ernährung ziemlich deutlich umgestellt. Grundlage war eine Empfehlung, die auf meine damalige gesundheitliche Situation zugeschnitten war.

Zucker sollte weitgehend raus. Weizenprodukte ebenfalls. Die Kohlenhydratmenge sollte kleiner werden, Fleisch deutlich seltener auf den Teller kommen. Dazu bekam ich eine Liste mit Lebensmitteln, die für mich damals bevorzugt oder eher gemieden werden sollten.

Manches darauf überraschte mich. Äpfel standen auf der einen Seite, Birnen auf der anderen. Verschiedene Beeren waren vorgesehen, meine geliebten Kirschen dagegen eher nicht.

Ausgerechnet Kirschen.

Mit Witzenhausen und dem ganzen Kirschenland praktisch vor der Haustür ist das schon ein wenig persönliche Grausamkeit.

Heute würde ich aus dieser damaligen Liste keine allgemeine Ernährungsempfehlung machen. Was ich 2022 ausprobierte, war mein Plan für meine damalige Situation und nicht die Speisekarte für den Rest der Menschheit.

Für mich bedeutete er vor allem eines: Ich musste wieder selbst kochen.

Plötzlich machte Kochen wieder Spaß

Fertigprodukte verschwanden weitgehend aus meinem Alltag und ich fing an, Rezepte zu sammeln.

Dabei kamen Dinge heraus, die ich vorher vermutlich nicht einmal gesucht hätte. Haferfrikadellen mit Kräuterdip. Möhren-Pastinaken-Puffer mit einem Knoblauchquark, bei dem man anschließend wahrscheinlich Sicherheitsabstand zu seinen Mitmenschen halten sollte. Eine Maronen-Rosenkohl-Pfanne mit Kürbiskernen und Truthahnspeck.

Und erstaunlicherweise machte mir das Spaß.

Abends bereitete ich Teile meines Mittagessens für den nächsten Tag vor. Auf der Arbeit brauchte ich dann meistens nur zehn oder fünfzehn Minuten, bis etwas Frisches auf dem Tisch stand.

Der Nebeneffekt: Wenn es gut roch, konnte ich den Kollegen damit hervorragend auf die Nerven gehen.

Auch mein Tee veränderte sich. Erst kamen sechs Stück Zucker in die große Kanne. Dann vier. Dann drei.

Irgendwann keiner mehr.

Ich hatte nicht beschlossen, ab sofort aus Prinzip zuckerfreien Tee toll zu finden. Ich hatte mich einfach langsam daran gewöhnt.

Und dann waren da die Hafertage

Einmal in der Woche gab es bei mir damals einen Hafertag.

Morgens Hafer.

Mittags Hafer.

Abends – Überraschung – Hafer.

Mal mit Zimt, mal mit etwas Gemüse, mal mit einer kleinen Menge Obst, damit wenigstens der Eindruck entstand, dass ich nicht dreimal dieselbe Schüssel vor mir stehen hatte.

Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen.

Hafer war für mich das Zeug, das Pferde bekommen, bevor sie anschließend sehr überzeugend über eine Wiese galoppieren.

Ich galoppierte nicht.

Trotzdem gehörte es damals zu dem Ernährungsversuch, den ich machte. Hafer enthält unter anderem lösliche Ballaststoffe wie Beta-Glucane. Daraus sollte man allerdings keine Wunderwirkung ableiten; bei Diabetes kommt es auf die gesamte Ernährung und die individuelle Behandlung an.

Zusätzlich probierte ich damals eine Form des Intervallfastens: Frühstück, Mittagessen und danach bis zum nächsten Morgen nichts mehr.

Ich war überzeugt, dass ich abends spätestens um halb acht meinen Schreibtisch anknabbern würde.

Tat ich nicht.

Für mich funktionierte diese Aufteilung erstaunlich gut. Intervallfasten ist allerdings nur eine von verschiedenen möglichen Ernährungsformen; gerade bei Diabetes und einer medikamentösen Behandlung sollte eine solche Veränderung zur individuellen Therapie passen.

Entscheidend war für mich etwas anderes

Nach ungefähr fünf Wochen schaute ich nicht nur auf die Waage.

Ja, dort hatte sich endlich wieder etwas bewegt.

Viel wichtiger war mir aber etwas anderes: Mein Magen-Darm-Problem hatte sich in diesen Wochen deutlich beruhigt. Vorher hatte ich teilweise drei- oder viermal pro Woche Beschwerden gehabt. In den ersten fünf Wochen nach der Umstellung erinnerte ich mich nur an einen einzigen solchen Tag.

Ob dafür allein die Ernährungsumstellung verantwortlich war, kann ich daraus nicht ableiten.

Ich konnte nur feststellen: In dieser Phase ging es mir wesentlich besser.

Und das merkte ich nicht nur am Bauch.

Ich fing endlich an, Dinge zu erledigen, die lange liegen geblieben waren. Besonders die ehemalige Wohnung meiner Eltern begann langsam wirklich meine Wohnung zu werden. Ich räumte um, veränderte Dinge nach meinem Geschmack und brachte Projekte zu Ende, die schon eine ganze Weile halb fertig herumlagen.

Das war für mich fast wichtiger als irgendeine Zahl auf einer Waage.

Ich kam wieder ins Handeln.

Bei den Blutzuckerwerten wurde es komplizierter

Einige Male fühlte ich mich in dieser Zeit etwas schummrig. Weil meine Mutter Diabetes hatte, waren noch Blutzuckermessgeräte und Teststreifen vorhanden. Also maß ich.

Der Wert war niedrig.

Nicht in einem Bereich, den ich damals als akute Unterzuckerung betrachtete, aber niedriger als ich es gewohnt war. Ich kontrollierte daraufhin meine Werte häufiger.

Und ich traf damals eine Entscheidung, die ich heute in einem solchen Text nicht einfach als Tipp stehen lassen möchte: Ich ließ eines meiner Diabetesmedikamente weg.

Das war meine damalige Entscheidung. Eine Änderung an einer Diabetesmedikation sollte aber mit der behandelnden Ärztin oder dem behandelnden Arzt abgestimmt werden. Unterzuckerungen können unter anderem mit bestimmten blutzuckersenkenden Medikamenten zusammenhängen; auch Veränderungen bei Ernährung und Bewegung können für die Behandlung eine Rolle spielen.

Beim nächsten Hausarzttermin waren meine gemessenen Diabeteswerte jedenfalls sehr gut. Damals nahm ich mir vor, spätestens bei der nächsten Blutuntersuchung das gesamte Thema anzusprechen.

Heute ist mir an dieser Stelle wichtiger, sauber zwischen zwei Dingen zu unterscheiden: Ich habe damals diese Werte gemessen und diese Erfahrungen gemacht. Daraus entsteht keine Empfehlung für andere, Medikamente selbstständig zu verändern.

Und plötzlich dachte ich wieder ans Laufen

Das eigentlich Interessante passierte aber noch an einer anderen Stelle.

Je besser ich mich fühlte, desto häufiger dachte ich an früher.

Elf Jahre zuvor hatte ich schon einmal angefangen, mich deutlich mehr zu bewegen. Aus kleinen Runden waren irgendwann längere Läufe geworden. Ich war bei Wettkämpfen gestartet, hatte Strecken geschafft, die ich mir am Anfang niemals zugetraut hätte, und dabei vor allem eines gehabt:

Spaß.

Am 11. März 2022 sollte sich mein damaliger Laufstart zum elften Mal jähren.

Und irgendwo in meinem Kopf entstand eine Idee.

Was wäre, wenn ich noch einmal anfange?

Nicht dort, wo ich früher aufgehört hatte. Nicht mit Wettkämpfen, Bestzeiten oder langen Sonntagsläufen.

Einfach wieder von vorne.

15 Minuten in eine Richtung.

Umdrehen.

Zurück.

Ich wusste, dass mein Körper 2022 ein anderer war. Mein Gewicht war höher, ich hatte gesundheitliche Baustellen und die alten Leistungen waren Jahre her.

Aber zum ersten Mal seit längerer Zeit hatte ich wieder Lust darauf, etwas auszuprobieren.

Vielleicht war das der eigentliche Erfolg dieser fünf Wochen.

Nicht die ersten verlorenen Kilos.

Nicht der Tee ohne Zucker.

Nicht einmal die besseren Werte.

Meine Welt hatte angefangen, sich wieder ein kleines Stück zu bewegen.

Und zwei Tage später lagen die Laufsachen bereit.

Stangenhalma musste schließlich noch ein bisschen warten.

Foto: Eigene Bilder mit Nachbearbeitung durch Gemini / Layout: canva PRO und Norbert Beck

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