Nur noch sechs Kilometer bis zum Bäcker

Ein vollkommen seriöses Interview vom Sonnenscheinweg, irgendwo zwischen Eschwege, Frieda und der Frage, warum mein Auto eigentlich zu Hause steht.

Reporter: Einen wunderschönen guten Morgen, Thunder. Oder sollte ich besser Herr Hawk sagen?

Norbert: Norbert reicht völlig.

Reporter: Ach, du lieber Gott.

Norbert: Das höre ich öfter, wenn ich irgendwo reinkomme. Aber soweit müssen Sie nun wirklich nicht gehen.

Reporter: Mir ist eben eine Gruppe Radfahrer entgegengekommen. Die wirkten ausgesprochen amüsiert. Haben Sie die gesehen?

Norbert: Ja. Mit denen hatte ich gerade ein kurzes Gespräch. Komische Vögel.

Reporter: Worum ging es?

Norbert: Zuerst wollten sie wissen, ob sie mir helfen können. Ich sagte, dass ich keine Hilfe brauche. Dann wollten sie wissen, wo ich herkomme.

Reporter: Und?

Norbert: Aus Eschwege.

Reporter: Das ist von hier aus ja ein Stück.

Norbert: Knapp 6,8 Kilometer von zu Hause.

Reporter: Und dann?

Norbert: Dann wollten sie wissen, wo mein Auto steht.

Reporter: Eine berechtigte Frage.

Norbert: Fand ich eigentlich nicht. Aber ich habe trotzdem geantwortet: zu Hause.

Reporter: Und daraufhin haben die gelacht?

Norbert: Ja. Einfach so. Anschließend sind sie weitergefahren.

Reporter: Haben Sie eine Ahnung, warum?

Norbert: Vielleicht passte das Bild nicht ganz zusammen. Da steht ein Mann mit deutlich über 150 Kilo fast sieben Kilometer von zu Hause entfernt auf einem Weg herum und behauptet, er sei zu Fuß gekommen.

Reporter: Sie sind tatsächlich die ganze Strecke gelaufen?

Norbert: Nein. Ich habe mich heimlich hierher gebeamt. Natürlich bin ich gelaufen.

Reporter: Und was machen Sie hier?

Norbert: Ich gehe zum Bäcker.

Reporter: Zum Bäcker?

Norbert: Ja.

Reporter: Wo ist der?

Norbert: Nur noch ungefähr 5,9 Kilometer entfernt.

Reporter: Nur noch?

Norbert: Man muss die Dinge positiv sehen.

Reporter: Gibt es keinen kürzeren Weg zu einem Bäcker?

Norbert: Doch. Mehrere sogar.

Reporter: Und warum nehmen Sie die nicht?

Norbert: Weil die langweilig sind. Da gibt es nicht so viel zu sehen.

Damit war eigentlich auch schon ziemlich gut erklärt, warum ich damals solche Strecken gelaufen bin. Natürlich spielte Bewegung eine Rolle. Natürlich wollte ich Gewicht verlieren und etwas an meiner Situation verändern. Aber einfach nur möglichst effizient Kilometer abzuspulen, war nie besonders reizvoll.

Wenn ich schon unterwegs war, wollte ich auch etwas davon haben.

Ein Weg entlang der Werra, ein Ort, an dem ich länger nicht gewesen war, irgendeine Abzweigung, bei der ich wissen wollte, wo sie hinführt. Der Bäcker war an diesem Tag vielleicht das Ziel. Die knapp zwölf Kilometer Umweg waren eher der interessante Teil.

Aber unser Reporter hatte noch Fragen.

Reporter: Sie machen das also zum Abnehmen?

Norbert: Unter anderem.

Reporter: Und funktioniert das?

Norbert: Ich bewege mich. Das ist schon einmal erheblich mehr, als wenn ich zu Hause auf dem Sofa sitze und darüber nachdenke, dass ich mich eigentlich bewegen müsste.

Reporter: Das klingt verdächtig vernünftig.

Norbert: Keine Sorge. Das geht vorbei.

Reporter: Aber Sie haben noch gar nicht gefrühstückt?

Norbert: Nein. Deshalb gehe ich ja zum Bäcker.

Reporter: Fast zwölf Kilometer für Frühstück?

Norbert: Wenn Sie das so sagen, klingt es plötzlich etwas übertrieben.

Reporter: Finden Sie nicht?

Norbert: Nein.

Reporter: Und Ihr Auto steht wirklich zu Hause?

Norbert: Wirklich.

Reporter: Ganz sicher?

Norbert: Soll ich Ihnen die Adresse geben, damit Sie nachsehen können?

Reporter: Ich versuche nur, die Situation zu verstehen.

Norbert: Machen Sie sich keinen Stress. Ich verstehe mich selbst auch nicht immer.

Reporter: Aber ohne Frühstück so weit zu laufen …

Norbert: Ich lebe noch.

Reporter: Ich weiß nicht. Vielleicht sollten wir vorsichtshalber einen Notarzt rufen.

Norbert: Machen Sie ruhig. Ich muss allerdings weiter. Der Bäcker macht irgendwann zu und ich habe noch knapp sechs Kilometer vor mir.

Reporter: Sie lassen mich jetzt einfach hier stehen?

Norbert: Ja.

Reporter: Und wenn der Notarzt kommt?

Norbert: Dann erklären Sie ihm einfach, dass Sie einen Mann getroffen haben, der freiwillig zu Fuß zum Bäcker gegangen ist.

Reporter: Und dann?

Norbert: Dann nimmt er vermutlich Sie mit.

Damit endete das Interview.

Der Reporter soll später tatsächlich noch längere Zeit versucht haben, das Konzept „Auto zu Hause lassen und einfach loslaufen“ zu verarbeiten. Über seinen weiteren Zustand ist nichts bekannt.

Ich dagegen erreichte den Bäcker.

Was vermutlich ohnehin das wichtigere Ergebnis dieses Tages war.

Das Interview ist natürlich erfunden. Der Spaziergang und die Begegnung mit den Radfahrern waren der Anlass für diesen kleinen Unsinn. Das einzige was echt war, war der Weg zum Bäcker und den frischen Brötchen…

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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