Der Rücken hat mich

Dieser Beitrag stammt ursprünglich vom 12. März 2022 und wurde für den Relaunch 2026 redaktionell überarbeitet.

Ich mochte Laufen eigentlich schon immer. Nicht unbedingt wegen irgendwelcher Bestzeiten, sondern weil dabei der Kopf irgendwann anfängt, seinen eigenen Kram zu sortieren. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich laufend schon mehrfach sämtliche Probleme dieser Welt gelöst habe.

Das einzige Problem: Nach dem Duschen waren die Lösungen meistens wieder weg.

An diesem Morgen wollte ich nach langer Zeit wieder richtig los. Jogginghose, Hoodie, Laufschuhe, Kopfhörer, Handschuhe. Noch einmal kurz in mich hineingehört.

Irgendetwas sagte: Schnapsidee.

Ich ging trotzdem los.

Egal, in welche Richtung ich von zu Hause starte, irgendwo kommt nach ungefähr 50 Metern eine Ampel. Danach begann das, was ich damals großzügig wieder „Laufen“ nannte.

Langsam.

Sehr langsam.

Aber ich lief.

Ein paar Versuche hatte es vorher schon gegeben, doch diesmal fühlte es sich anders an. Ich fand einen Rhythmus und brauchte zunächst keine Gehpause. Das überraschte mich selbst ein bisschen.

Früher war ich andere Strecken und andere Geschwindigkeiten gewohnt. Aber früher war eben früher. An diesem Morgen ging es nicht darum, irgendetwas mit alten Zeiten zu vergleichen. Ich wollte überhaupt erst einmal wieder los.

Eine alte Strecke und verschwundene Katzen

Der Weg führte mich in Richtung der Pferdekoppeln. Leicht bergauf, was ich natürlich sofort merkte.

In einer Kurve steht ein kleines Haus, das schon damals ziemlich heruntergekommen war. Früher waren dort immer Katzen. Keine Ahnung, ob sie angefüttert wurden oder sich den Platz einfach selbst ausgesucht hatten. Jedenfalls lagen sie gerne mitten im Weg und hielten wenig davon, einem Läufer Platz zu machen.

Die Katzen waren weg.

Gut, ich konnte schlecht erwarten, dass die Tiere mehr als zehn Jahre dort sitzen und auf meine Rückkehr warten.

Vielleicht hätte ich vorher Bescheid sagen sollen.

Neben dem Weg plätscherte der Zeckelsgraben. Im Sommer ist er teilweise kaum mehr als ein Rinnsal, nach Regen kann er deutlich mehr Wasser führen. Dahinter kamen die Pferdekoppeln und für mich langsam der Punkt, an dem ich wieder Richtung Heimat drehen wollte.

Bis dahin lief es erstaunlich ordentlich.

Dann merkte ich, dass ich bei meiner ganzen Aufbruchsstimmung etwas vergessen hatte.

Mein Asthmamedikament.

Und das Notfallspray lag auch nicht im Hoodie, sondern in meiner Arbeitstasche.

Das war nicht gerade die Glanzleistung dieses Morgens.

Meine Bronchien begannen beim Laufen hörbar zu pfeifen. Es wurde nicht so schlimm, dass ich abbrechen musste, aber angenehm war es natürlich nicht. Vor allem war es eine ziemlich deutliche Erinnerung daran, dass „einfach loslaufen“ bei mir eben nicht bedeutet, dass ich vorher an gar nichts denken muss.

Beim nächsten Mal sollte das Notfallspray definitiv zu den Sportsachen.

2,2 Kilometer

Nach knapp 30 Minuten war ich wieder zu Hause.

2,2 Kilometer.

Nicht schnell. Nicht weit. Und schon gar nichts, womit ich früher angegeben hätte.

Aber an diesem Morgen war mir das ziemlich egal.

Ich war die Strecke gelaufen.

Früher hätte ich wahrscheinlich sofort angefangen, irgendwelche Zeiten zu vergleichen. Damals war ich bei Wettkämpfen schneller unterwegs gewesen und hatte auch Strecken mit ordentlich Höhenmetern geschafft. Aber dieser Vergleich half mir 2022 überhaupt nicht.

Ich musste nicht wieder der Läufer von vor zehn Jahren sein.

Ich musste erst einmal derjenige sein, der morgens die Schuhe anzieht und losgeht.

Danach gab es Frühstück, Dusche und Arbeit.

Und ich war ziemlich zufrieden mit mir.

„Ich dachte, du hast Rücken?“

Ganz problemlos war die Sache allerdings nicht.

Schon seit einiger Zeit machte mein Rücken wieder Ärger. Schmerzen rund um Lendenwirbelsäule und Hüfte, manchmal ein Stechen bei bestimmten Bewegungen. Besonders morgens konnte das ziemlich unangenehm sein.

Als ich von meinem Lauf erzählte, bekam ich deshalb die naheliegende Frage:

„Wie kannst du morgens schon trainieren? Ich dachte, du hast Rücken?“

Ich machte eine kleine Pause und setzte mein möglichst ernstes Gesicht auf.

„Ich habe Rücken?“

Noch eine Pause.

„Falsch. Der Rücken hat mich.“

Für einen Moment fühlte ich mich dabei vermutlich ungefähr so souverän wie Chuck Norris.

Der Rücken war danach natürlich nicht plötzlich verschwunden. Dieser eine Lauf hatte auch nichts geheilt und nichts bewiesen.

Aber ich war wieder unterwegs gewesen.

Langsam, mit pfeifenden Bronchien, einem vergessenen Spray und einem Körper, der noch einige Einwände hatte.

Trotzdem waren es 2,2 Kilometer.

Für einen Neustart reichte mir das erst einmal.

Foto: Norbert Beck / Beitragsbild-Layout: canva PRO und Norbert Beck

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